Folge 29 - Die innere Uhr der Natur
Shownotes
Alles in unserer Welt folgt einem unsichtbaren Rhythmus. Doch wer oder was gibt eigentlich den genauen Takt vor? Heute blicken wir hinter die Kulissen eines meisterhaften Systems, das still und heimlich im Hintergrund arbeitet. Entdecke ein faszinierendes Naturgeheimnis, das täglich direkt vor unseren Augen abläuft!
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00:00:00: Du kennst das bestimmt auch.
00:00:01: Du schaust aus dem Fenster, der Winter war scheinbar endlos lang alles ist grau und nass kalt und dann wirklich als hätte jemand so einen Schalter umgelegt explodiert plötzlich alles in sattem grün.
00:00:14: ja
00:00:15: absolut
00:00:16: wir Menschen machen es uns da ja unfassbar einfach oder?
00:00:19: Wir gucken auf unsere Wetter-App sehen auch mal tagelang achtzehn grad strahlender Sonnenschein
00:00:24: Und sagt Der Frühling is da Genau.
00:00:26: Aber
00:00:27: für die Natur ist genau dieser Moment eigentlich gar keinen Grund zum Feiern, sondern und das fand ich bei unserer heutigen Recherche wirklich überraschend.
00:00:35: Das ist ein lebensgefährliches Nadelöhr.
00:00:39: Der sogenannte falsche Frühling!
00:00:41: Und da wollen wir heute in dieser tiefen Analyse mal ran wie navigiert einen Baum der ja nun mal kein Smartphone und keine Wetterdaten hat diese absolute Hochrisikofase?
00:00:52: Ja und was hier so faszinierend?
00:00:58: Wagen-Bauchgefühl eines Baumes.
00:01:00: Nee, absolut nicht!
00:01:01: Oder so einer simplen Reaktion nach dem Motto Oh ein bisschen Sonne Das ist reine angewandte biochemische Mathematik
00:01:09: Krass.
00:01:09: ja
00:01:10: Die Natur hat hier wirklich ein systematisches Urwerk entwickelt das dermaßen präzise kalibriert ist dass es unsere alltäglichen Erklärungen völlig demontiert.
00:01:19: Dieses Es wird wärmer also wächstes meinst du?
00:01:22: Ganz genau das greift viel zu kurz.
00:01:25: Es geht hier um Überlebensstrategien, die wirklich tief auf molekularer Ebene verankert sind.
00:01:31: Dann lass uns das mal aufdröseln!
00:01:32: Weil der intuitivste Gedanke den wir ja alle irgendwie haben ist doch Wärme bedeutet Wachstum.
00:01:40: In der Natur herrscht eigentlich diese knallharte Konkurrenz um Licht und um Ressourcen.
00:01:45: Wenn wir jetzt im Februar plötzlich mal zwei Wochen lang fünfzehn Grad haben müsste eine Pflanze das doch eigentlich gnadenlos ausnutzen oder?
00:01:54: Das würde man denken, ja.
00:01:56: Wer zuerst Blätter entfaltet fängt doch zu erstes Licht ein, produziert Zucker und überholt quasi die Konkurrenz nebenan.
00:02:02: Warum sollte sie also abwarten und so einen offensichtlichen Vorteil einfach wegwerfen?
00:02:07: Weil dieser...
00:02:08: naja
00:02:09: scheinbare evolutionäre Vorteil in der Realität unserer Breiten gerade ganz oft schlichtweg mit dem Tod bezahlt wird.
00:02:16: Puh!
00:02:16: Okay
00:02:17: Lass uns dafür mal direkt auf die zelluläre Ebene gehen.
00:02:20: Wenn so eine Pflanze wächst Dann treibt sie ja ihren neuen Knossen an, indem sie massiv Wasser in diese ganz zarten neuen Triebe pumpt.
00:02:27: Okay!
00:02:28: Sie pumpt sich quasi voll?
00:02:29: Genau die neun Zellen dehnen sich aus.
00:02:31: Sie sind dann prall gefüllt mit Wasser und die Zellwände sind zu dem Zeitpunkt noch extrem dünn und komplett umgeschützt.
00:02:37: Ah...und
00:02:38: dann kommt das was was im Februar oder März ja halt statistisch fast immer nochmal passiert.
00:02:44: Genau der Frost
00:02:45: Ein massiver völlig abrupter Kälteeinbruch mitten in der Nacht.
00:02:49: Richtig
00:02:50: Der Frost kehrt zurück und Wasser hat nun mal die fatale physikalische Eigenschaft, dass es sich beim Gefrieren ausdehnt.
00:02:56: Ah
00:02:56: das berühmte Wasserflaschen im Gefrierfachproblem?
00:03:00: Exakt das!
00:03:00: Wenn die Temperaturen dann plötzlich tief unter den Gefrierpunkt fallen Dann bilden sich in diesen ganzen wasserreichen jungen Trieben Eiskristalle Und diese Kristalle wirken wirklich wie aber tausende winzige Rasierklingen auf zellulärer Ebene.
00:03:15: Oh Gott das klingt brutal.
00:03:17: Ist es auch?
00:03:17: Sie zerfetzen.
00:03:18: Die Zell wendet der jungen Triebe regerecht von innen heraus.
00:03:21: Das Gewebe stirbt quasi sofort ab, es wird dann so schwarz und
00:03:25: matschig.".
00:03:26: Wow!
00:03:27: Die Pflanze verliert also nicht nur ich sag mal ein paar hübsche neue Blätter die sie gerade gebildet hat?
00:03:33: Ne überhaupt nicht.
00:03:34: Sie verliert im Grunde die gesamte Energie die sie den ganzen Winter über mühsamen in ihren Wurzeln gespeichert hat um diesen Neustart überhaupt wagen zu können.
00:03:44: richtig?
00:03:45: Ganz genau.
00:03:46: Und sie kann diesen krassen Verlust dann oft auch gar nicht mehr kompensieren.
00:03:50: Für so einem Baum in einem gemäßigten Klima ist es wirklich ein evolutionäres Todesurteil, wenn er sich einfach so auf einen warmen Februar
00:03:56: verlässt.".
00:03:57: Okay das heißt um den echten Winter zu überstehen muss die Pflanze also was tun?
00:04:02: Sie muss das Wasser fast komplett aus ihren Zellen abziehen.
00:04:05: Stattdessen lagert sie eine Art biologisches Frostschutzmittel ein – aus konzentrierten Zuckern.
00:04:11: Ah
00:04:11: clever!
00:04:12: Ja, sie macht sich quasi hart Und diesen sicheren Zustand darf sie eben erst aufgeben, wenn sie sich absolut hundertprozentig sicher ist.
00:04:20: Das Thermometer ist im Winter also ein notorischer Lügner!
00:04:25: Das kann man so sagen ja?
00:04:26: Das bedeutet doch aber... Die Pflanze muss irgendwie stichhaltig beweisen können dass der harte Winter wirklich vorüber ist bevor sie auch nur eine einzige Zelle wieder mit Wasser vollpumpt.
00:04:37: Exakt In den votanischen Aufzeichnungen die wir für diese Recherche vorliegen haben war davon einem chemischen Gedächtnis die Rede.
00:04:45: Wie speichert ein einfacher Ast bitte eine Erinnerung an die Kälte?
00:04:49: Das funktioniert über ein Konzept, das wir in der Botanik die Endodormanz ziehen.
00:04:54: Endodermans okay!
00:04:55: Genau und das ist jetzt keine leichte Winterruhe bei der die Pflanze so ein bisschen vor sich hindöst
00:05:01: sondern
00:05:02: dass es eine massive innere Blockade.
00:05:05: im Herbst wenn die Tage anfangen kürzer zu werden flutet die pflanze ihre eigenen Knospen mit bestimmten hemmenden Hormonen Primer mit etwas, das sich Abszisinsäure nennt.
00:05:17: Abszisinnsäure?
00:05:18: Okay!
00:05:19: Und was macht die?
00:05:20: Dieses Hormon legt den Zellteilungsapparat wirklich komplett lahm.
00:05:25: Es stoppt absolut jeden Stoffwechsel der irgendwie auf Wachstum abzielt.
00:05:29: Okay krass
00:05:30: Ja.
00:05:31: und da ist es auch völlig egal wie sehr die Sonne im Dezember mal brennt.
00:05:35: dieses biochemische Schloss ist knallhart verriegelt.
00:05:38: Die Pflanze ist quasi in so ein chemisches Koma versetzt.
00:05:41: Ok also das Schloss is zu Aber um es im Frühjahr dann wieder aufzukriegen, fühlt die Pflanze jahren anscheinend eine Art Strichliste.
00:05:50: Mhm,
00:05:50: so ungefähr!
00:05:51: Sie misst sogenannte Kältestunden und da muss ich ganz ehrlich sagen als ich das in unseren Unterlagen gelesen habe war ich extrem skeptisch.
00:06:00: Warum das?
00:06:01: Na ja laut den Forschern zählt die Pflanzen nur die Stunden in denen die Umgebungstemperatur exakt zwischen null-und sieben Grad Celsius liegt.
00:06:10: Ja, das stimmt
00:06:11: Warte mal Null bis sieben Grad.
00:06:14: Das ist doch ein unfassbar winziges, fast schon absurdes Temperaturfenster!
00:06:20: Woher weißt denn eine Pflanze das es draußen nicht minus eins oder acht Grad ist?
00:06:25: Das klingt für mich fast zu präzise um wahr zu sein.
00:06:29: Ich weiß Es klingt im ersten Moment so ein bisschen wie Magie aber es ist letztlich naja simple Thermodynamik Gekoppelt an Enzymkinetik.
00:06:37: Okay, jetzt musst du mich abholen!
00:06:39: Enzymkinetik
00:06:40: Also Enzyme sind ja quasi die Werkzeuge einer Zelle.
00:06:44: Sie setzen chemische Reaktionen in Gang und sie arbeiten eben nur bei ganz bestimmten Temperaturen wirklich optimal.
00:06:50: Ah okay.
00:06:51: Und die speziellen Enzymen, die jetzt dafür zuständig sind unsere Blockade also diese Himmende-Absizinsäure langsam wieder abzubauen Die haben eine sehr spezifische räumliche Struktur
00:07:02: Verstehe.
00:07:03: Wenn die Temperaturen jetzt unter null Grad fallen, dann werden diese Enzyme quasi stark.
00:07:08: Sie können sich schlichtweg nicht mehr bewegen – es passiert einfach gar nichts!
00:07:11: Das heißt Minusgrade bringen die Pflanze dem Frühling eigentlich kein Millimeter näher, obwohl's doch extrem kalt ist?
00:07:17: Überhaupt nicht.
00:07:18: Echter Frost hält die Blockade sogar aufrecht.
00:07:21: Okay, Wahnsinn….
00:07:22: und was passiert bei über sieben
00:07:24: Grad?!
00:07:24: Da verändert sich die Struktur dieser speziellen Enzymen durch die Wärmebewegung so stark dass sie völlig ineffizient werden Und gleichzeitig nehmen dann andere celluläre Prozesse Überhand.
00:07:35: Das heißt, nur in diesem superengen thermischen Korridor zwischen null und sieben Grad behalten diese Enzyme die perfekte Form?
00:07:42: Genau!
00:07:43: Nur dann können Sie wie so kleine chemische Scheren arbeiten... ...und die Abzisinsorge wirklich molekül für molekühl zerschneiden.
00:07:51: Wahnsinn
00:07:52: das ist ja für mich ein extrem strenger Türsteher vor einem exklusiven Club.
00:07:57: Ein Türstehr Wie meinst du das?
00:07:59: Na ja, du stehst da als Pflanze und willst unbedingt rein in den Club.
00:08:03: Also rein im Frühling.
00:08:05: aber der Türsteher verlangt so eine volle Stempelkarte von dir.
00:08:09: Ah
00:08:09: ja!
00:08:09: Und du bekommst den Stempeln wirklich nur wenn du ihm exakt dieses eine Temperaturfenster lieferst.
00:08:14: Es ist knackiger Frost kein Stempelt.
00:08:17: Genau Ist es so ne milde Winterwoche mit zehn Grad im Januar.
00:08:20: kein Stempel für dich.
00:08:22: Du musst diese Karte wirklich mühsam abarbeiten, Stunde um Stunde bis das Hormon endlich zerschnitten ist.
00:08:28: Das ist ein großartiges Bild ja?
00:08:30: Das fängt die Biochemie eigentlich perfekt ein und diese Stempelkarte variiert übrigens enorm je nach Pflanzenart!
00:08:37: Ach
00:08:37: echt?!
00:08:37: Ja nehmen wir zum Beispiel mal den Holunder oder den Flieder.
00:08:43: deren biochemische Türsteher um bei deinem Bild zu bleiben sind da etwas Nachsichtiger.
00:08:48: Die brauchen vielleicht nur ein paar hundert Stunden in diesem bestimmten Kältekorridor.
00:08:52: Ah, okay... Deshalb sieht man beim Flieder oft schon so wahnsinnig früh im Jahr diese richtig dicken prallen Knospen!
00:09:01: Ganz genau!
00:09:02: Die haben ihre Stempelkarte einfach super schnell voll, die Abszinsäure ist dann abgebaut und das chemische Schloss ist geknackt.
00:09:09: Aber, und das ist ja der Punkt Sie explodieren dann noch nicht direkt zu Blättern?
00:09:15: Die hängen da irgendwie wie in einem Standby-Modus am Ast.
00:09:18: Richtig
00:09:19: Sie haben zwar bewiesen, hey wir haben den Winter durchlebt aber irgendetwas hält sie anscheinend immer noch zurück.
00:09:24: Die stehen am Startblock.
00:09:26: ja denn das kälte Konto beweist letztlich nur die Vergangenheit.
00:09:29: es beweist okay der winter war da.
00:09:32: Die Pflanze braucht also zwingend eine zweite völlig unabhängige Bestätigung dafür dass die Gefahrenzone jetzt wirklich verlassen wurde.
00:09:40: und hier Leute Hier wird es wirklich interessant.
00:09:44: Das System muss also absolut ausfallsicher sein, das heißt die Pflanze muss jetzt noch checken wo wir uns gerade auf dem astronomischen Kalender befinden.
00:09:53: aber mal ehrlich wie macht ein stück Holz ohne Augen ohne Nervensystem und ohne Satellitenverbindungen so etwas bitte
00:10:00: durch Fotoperiodismus?
00:10:02: okay großes Wort
00:10:04: ja aber dass ist letztlich die hoch präzise Messung der Tages- und vor allem der Nachtlänge
00:10:09: Der Nachtlänge.
00:10:10: Genau, und es ist für mich eigentlich das absolute Meisterstück in diesem ganzen pflanzlichen Urwerk.
00:10:15: Die Pflanze nutzt dafür sogenannte Phytochome.
00:10:18: Phytochrome?
00:10:19: Was ist das genau?
00:10:20: Das sind extrem sensible Farbstoffproteine.
00:10:23: die sitzen massenhaft in den Blättern und eben in den Knospen und reagieren extrem fein auf Licht.
00:10:30: Lass uns da mal kurz auf der molekularen Ebene bleiben weil wie messen Proteine bitte die Zeit?
00:10:37: Eine bloße Reaktion auf O ist es hell, reicht ja nicht aus um quasi einen Kalender zu lesen.
00:10:43: Ne absolut nicht!
00:10:45: Stell dir dieses Phytochrom am besten wie ein Molekül vor das wir so ein physikalischer Schalter funktioniert.
00:10:51: Okay
00:10:52: Wenn jetzt tagsüber das Licht der Sonne auf die Pflanze trifft genauer gesagt sind es die roten Wellenlängen des Tageslichts dann absorbiert das Phytokrom diese Energie Und durch diese aufgenommene Energie verändert das Molekül plötzlich seine räumliche Struktur.
00:11:07: Es klappt quasi einfach um, es wird aktiviert.
00:11:11: Okay!
00:11:12: Das heißt solange die Sonne scheint, wird das Molekul permanent in diese aktivierte Form gezwungen?
00:11:17: Genau
00:11:18: Wenn ich mir das jetzt visuell vorstelle ist das ja eigentlich wie eine Sanduhr.
00:11:22: Die Sonne dreht die Sanduher quasi auf den Kopf und hält sie oben fest so lange es hell ist.
00:11:27: Das trifft es erstaunlich gut Denn diese aktivierte Form des Phytochromes ist biochemisch gesehen hochgradig instabil.
00:11:36: Ah, es will also gar nicht so bleiben?
00:11:38: Überhaupt nicht!
00:11:40: Sobald die Sonne untergeht und diese ständige Energie zuvor von außen stoppt fängt das Molekül sofort an sich ganz allmählich wieder in seine stabile innaktive Grundform zurückzufalten.
00:11:53: In der Physik nennt man diesen Prozess dann thermische Relaxation
00:11:57: Und diese langsame Rückfaltung in der absoluten Dunkelheit, das ist dann der Sand, der in meiner Sanduhr extrem langsam nach unten rieselt.
00:12:05: Exakt!
00:12:06: Die physikalische Zerfaltsrate dieses Moleküls – Das is die eigentliche Zeitmessung der Flamse
00:12:12: Verrückt?
00:12:13: Und die Pflanze macht am nächsten Morgen, also wenn das allererste Licht den Horizont berührt etwas unvorstellbar Präzises.
00:12:21: Sie misst einfach, wie viel von diesem aktiven noch nicht zerfallenen Phytochrom in ihren Zellen überhaupt noch übrig ist.
00:12:28: Okay wow!
00:12:29: Gehen wir das mal für unser Verständnis für zwei verschiedene Extreme auf den Kalender durch?
00:12:33: Gerne.
00:12:34: Sagen wir mal es ist Ende Dezember so kurz nach der Wintersonnen-Wende.
00:12:37: Wir haben astronomische Nächte.
00:12:39: die dauern locker mal vierzehn oder fünfzehn Stunden.
00:12:42: Gut
00:12:43: In so einer massiv lange Nacht hat diese thermische Relaxation natürlich enorm viel Zeit zu wirken.
00:12:48: Klar is ja ewig dunkel.
00:12:49: Genau Das instabile Molekül faltet sich über diese vielen Stunden in der völligen Dunkelheit komplett zurück.
00:12:56: Und wenn die Sonne dann am nächsten Morgen aufgeht, registriert die Pflanze in ihren Zellen null chemischen Rest.
00:13:03: Die Sanduhr ist einfach restlos durchgerieselt.
00:13:06: Ewig lang.
00:13:06: wir sind mitten im tiefsten Winter.
00:13:08: Ganz genau.
00:13:09: das Frostrisiko ist viel zu hoch und der finale Startschuss zum Austreiben wird dann einfach nicht gegeben.
00:13:15: Da es auch völlig egal wie warm die Luft draußen gerade in dem Moment sein mag.
00:13:19: Okay, das macht absolut Sinn.
00:13:20: Und wenn wir jetzt mal auf unserem Kalendern ein bisschen weiter blättern, sagen wir mal in den späten März oder April?
00:13:26: Die Erde dreht sich ja weiter um die Sonne... ...die Erdachse neigt sich….
00:13:30: …die Tage werden spürbar länger und die Nächte schrumpfen!
00:13:33: Richtig – und dann reicht die Dunkelheit nun schlichtweg nicht mehr aus.
00:13:37: Die Nacht ist zu kurz geworden für diesen kompletten Zerfallsprozess.
00:13:41: Wenn dann im April am frühen Morgen die Sonne aufgeht und die Pflanze ihren Check macht, dann ist der Sand eben nicht ganz durchgerieselt.
00:13:47: Verstehe!
00:13:48: Es ist noch ein signifikanter Rest an diesem aktiven Phytochrom in den Zellen vorhanden weil einfach die Zeit für den kompletten Zerfall in der Nacht gefehlt hat.
00:13:57: Wahnsinn.
00:13:57: Die Pflanze wacht also auf, ließ diesen kleinen chemischen Rest wert ab und weiß dann unweigerlich okay die astronomische Nächte sind jetzt kurz genug.
00:14:05: wir haben den Frühling wirklich erreicht.
00:14:07: so
00:14:07: ist es.
00:14:08: das ist echt unfassbar.
00:14:09: sie berechnet quasi die Neigung der Erdachse über den kontinuierlichen Zerfall von Proteinen in der absoluten Dunkelheit.
00:14:16: ja
00:14:16: Es ist ein in sich völlig geschlossenes geniale Sicherheitssystem.
00:14:20: Wir haben hier also zwei unbestechliche Faktoren.
00:14:24: erstens Das Konto für die kälte Stunden muss voll sein.
00:14:27: Die Enzyme müssen die hemmenden Hormone abgebaut haben.
00:14:31: Und zweitens, die botanische Sanduhr muss kurz in Nächte melden, gemessen eben über diesen Restwert des Phytokroms.
00:14:39: und erst wenn beide wirklich beide Faktoren grünes Licht geben, erst dann darf die aktuelle Außentemperatur überhaupt ein Wörtchen mitreden.
00:14:48: Okay, jetzt los!
00:14:49: Erst dann Wenn das Wasser wieder in die Zellen fließen darf, dann gibt die Wärme den Impuls zum finalen aufbrechende Knospen.
00:14:57: So was bedeutet das nun aber alles für unsere heutige Realität?
00:15:01: Weil wenn man all diese perfekten Mechanismen so liest beschleicht ein ja schon irgendwie ein ziemlich besorgniserregendes Gefühl.
00:15:08: Ohja absolut!
00:15:09: Wir sprechen hier von so einem feinen Uhrwerk dass sich über Jahrmillion an extrem verlässliche Konstanten angepasst hat.
00:15:17: Aber wir Menschen verändern ja gerade mit wirklich brachialer Geschwindigkeit die Durchschnittstemperaturen auf diesem Planeten.
00:15:23: Was passiert denn jetzt, wenn wir dieses fein abgestimmte System plötzlich stören?
00:15:27: Ja, haben wir das mit dem großen Ganzen verbinden!
00:15:31: Dann sehen wir leider dass der moderne Klimawandel dieses biochemische Uhrwerk gerade massiv sabotiert.
00:15:37: Inwiefern?
00:15:38: Nehmen wir mal unsere Stempelkarte für die kälte Stunden vom Anfang.
00:15:43: In diesen immer häufiger werdenden extrem milden Wintern erreichen viele Pflanzen und das betrifft besonders unsere heimischen Obstgehölze, also Apfel-, Birnen- oder Kirschbörme.
00:15:54: Die erreichen ihre dringend benötigte Kältesumme schlichtweg nicht mehr.
00:15:58: Ah!
00:15:58: Weil dieses magische Zeitfenster von null bis sieben Grad einfach nicht mehr oft genug getroffen wird?
00:16:04: Exakt.
00:16:05: Es ist im Winter oft schon viel zu warm um diese speziellen Enzyme überhaupt richtig arbeiten zu lassen.
00:16:10: Okay...das heißt die Stempelkarte wird nicht voll
00:16:13: Genau.
00:16:14: Die Enzyme können diese hemmende Abszessinsäuber nicht vollständig zerschneiden, das chemische Schloss verklemmt sich quasi.
00:16:21: Oh yeah!
00:16:22: Und die Folge für die Landwirtschaft und natürlich auch für die Natur ist wirklich dramatisch.
00:16:27: Die Bäume treiben dann im Frühjahr völlig ungleichmäßig aus oft auf verzögert, die Blöde isst spärlich sie ist schwach und der Fruchtansatz bricht dem Sommerdant drastisch ein.
00:16:39: Ohne diesen echten, nachgewiesenen Winterschlaf ist die Pflanze im Frühjahr einfach völlig desorientiert.
00:16:44: Das bringt uns jetzt aber zu einem ziemlichen Paradoxon finde ich.
00:16:48: Wieso?
00:16:49: Naja wir sprechen andauernd von der globalen Erwärmung also darüber das die Welt heißer wird.
00:16:54: Aber wenn jetzt dieses erste Kontrollsystem, also die Kältesumme ausfällt macht die Erwährmung die Pflanzen dann am Ende des Tages paradoxerweise anfälliger für die Kälte?
00:17:05: Das klingt dem ersten Moment völlig widersprüchlich Aber biochemisch ist genau das die bittere Realität.
00:17:11: Krass!
00:17:12: Wenn dieses erste Kontrollsystem der Kältestunden gestört und irritiert ist, dann gräht die gesamte interne Gewichtung der Pflanze komplett durcheinander.
00:17:21: Okay
00:17:22: Die Pflanzen reagieren in der Folge oft viel sensibler und auch viel verfrüht auf das zweite Signal also auf das Licht.
00:17:31: Das Systemgerät regelrecht in Panik übersteuert dann und treibt einfach viel zu früh aus.
00:17:36: Und dann stehen sie da mit ihren frischen, wassergefüllten Geweben den ungeschützten Blüten mitten im Frühjahr?
00:17:44: Genau.
00:17:45: Und wir erleben dann im April das, was Landwirte wirklich am meisten fürchten...
00:17:49: ...die Spätfrüste!
00:17:50: Diese
00:17:50: knackigen völlig überraschenden Spätfriste in der Nacht.
00:17:55: und da das Urwerk der Natur aus dem Takt geraten ist sind die Pflanzen in genau diesem Moment völlig schutzlos.
00:18:01: Weil sie eigentlich denken Sie sind schon sicher Richtig
00:18:05: Die Eiskristalle zerreißen dann die Zellwände die Ernten erfrieren, die schönen Knospen sterben komplett ab.
00:18:13: Der Klimawandel macht das Wetter also einerseits wärmer aber er zerstört eben auch genau diesen evolutionären Rhythmus der die Pflanzen vor den verbleibenden klimatischen Extremen eigentlich schützt.
00:18:25: Wow, das ist echt ein enormer Gedanke den man glaube ich erstmal so ein bisschen verarbeiten muss.
00:18:30: Es zeigt ja wirklich wie unglaublich vernetzt aber eben auch extrem fragil diese mathematische Perfektion der Natur ist wenn wir da auch nur an einer einzigen Stellschraube wieder Wintertemperatur drehen.
00:18:42: Absolut!
00:18:42: Ja
00:18:43: Wenn du also das nächste mal draußen spazieren gehst und siehst wie sich die aller ersten Knospen an den Hecken öffnen dann weißt Du jetzt... Das ist keine simple Laune des Wetters.
00:18:53: Nee ganz und gar nicht.
00:18:54: Es ist nicht einfach nur ein bisschen warm geworden.
00:18:57: Was du dort siehst, ist eigentlich das fulminante völlig stille Ergebnis von abertausenden Stunden akribischer Licht- und Temperaturmessung – einen gigantischen Supercampute aus Zellstrukturen der lautlos seine Arbeit verrichtet!
00:19:13: Und weißt Du?
00:19:14: Das wirft eine wichtige Frage auf….
00:19:16: Ein Gedanken den ich dir zum Schluss echt noch mitgeben möchte... Wir haben ja jetzt im Detail gesehen, wie Pflanzen mit Hilfe von so stetig zerfallenen Proteinen ihnen und dieser Enzymkinetik hochkomplexe astronomische Kalender ablesen können.
00:19:31: Sie messen buchstäblich die Neigung und Rotation unseres eigenen Planeten – und da fragt man sich doch….
00:19:37: Welche anderen völlig unsichtbaren Umweltsignale messen sie vielleicht noch?
00:19:42: Von denen wir bisher absolut nichts ahnen!
00:19:44: Oh, guter Punkt.
00:19:45: Weagieren
00:19:46: ihre internen Sensoren vielleicht genauso präzise auf subtile Veränderungen im Magnetfeld der Erde?
00:19:51: Wahnsinn ja!
00:19:53: Oder auf lunare Zyklen also den Mond um die Feuchtigkeit tief im Boden zu berechnen?
00:19:58: Es gibt da draußen ein dermaßen riesiges Netzwerk an physikalischen Realitäten in das diese Pflanzen eingewoben sind und wir fangen eigentlich gerade erst an so die ersten Buchstaben der Sprache dieses Netzwerks überhaupt zu entziffern.
00:20:12: Ein super faszinierender, fast schon ein bisschen unheimlicher Gedanke der wirklich zeigt wie wenig wir eigentlich über die Welt direkt vor unserer eigenen Haustür wissen.
00:20:22: Oh ja!
00:20:23: Und damit entlassen wir dich aus unserer heutigen Recherche.
00:20:26: ich hoffe du siehst den Baum drüben an der Straße oder diesen Busch in deinem Garten ab heute mit völlig anderen Augen eben nicht mehr nur als so eine grüne Kulisse sondern als absoluten Meister der Überlebensmathematik.
00:20:39: Danke, dass du dabei warst dieses Wunderwerk mit uns zu ergründen.
00:20:43: Bis zum nächsten Mal!
00:20:44: Bleib neugierig.
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