Folge 28 - Die Erfindung der Einheitszeit
Shownotes
Ein Blick aufs Handy genügt, und wir kennen die exakte Uhrzeit. Doch wer hat dieses scheinbar selbstverständliche System eigentlich erschaffen? In dieser Folge lüften wir ein spannendes Geheimnis und zeigen, warum unsere heutige, einheitliche Zeitmessung einst aus reiner, geradezu lebensgefährlicher Notwendigkeit geboren wurde.
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00:00:00: Also herzlich willkommen zu unserem heutigen Deep Dive.
00:00:03: Schön, dass wir dabei bist und uns ja deine Zeit schenkt!
00:00:07: Genau Hallo auch von mir.
00:00:09: Schön das du zuhörst
00:00:10: Und passenderweise geht es heute exakt um dieses Thema also um die Zeit.
00:00:17: Stell dir mal vor Du schaust jetzt wirklich genau in diesem Moment auf dein Smartphone oder keine Ahnung auf deinen Laptop.
00:00:26: Ja Du weißt einfach auf die Millisekunde genau wie spät ist.
00:00:31: Das ist so drin bei uns.
00:00:34: Absolut!
00:00:35: Und wir gehen im Alltag völlig selbstverständlich davon aus, dass es in der Nachbarstadt, die sagen wir mal fünfzig Kilometer entfernt liegt auf die Sekunde genau gleich spät ist.
00:00:46: also wenn du um fünfzehn Uhr ein virtuelles Meeting mit jemandem hast, der am anderen Ende des Landes sitzt dann lockt ihr euch exakt zeitgleich ein.
00:00:55: Richtig
00:00:55: man denkt da gar nicht drüber nach.
00:00:56: Genau.
00:00:57: aber Und das ist der krasse Punkt, den wir weiter aufdröseln wollen.
00:01:01: Diese absolute Selbstverständlichkeit dieses reibungslose Ticken unserer Uhren im Gleichtakt Das ist eigentlich eine gigantische Illusion.
00:01:08: Total
00:01:09: Es ist eine künstliche Erfindung.
00:01:11: Wenn man sich nämlich unsere historischen Quellen für heute ansieht begreift man ziemlich schnell unser heutiges Konzept von Uhrzeit ist historisch gesehen eigentlich noch brandneu.
00:01:21: Wer hat also die Uhrzeit erfunden?
00:01:24: Ja Das ist wirklich eine absurde Frage auf den ersten Blick, aber um zu begreifen wie extrem diese Erfindung unseren Alltag auf den Kopf gestellt hat, müssten wir gedanklich einfach mal einen riesigen Schritt zurücktreten.
00:01:37: Wir müssen in eine Epoche eintauchen, in der die Sonne wirklich das absolute und einzige Maß aller Dinge war!
00:01:45: Also wenn wir die Aufzeichnungen auf der Zeit vor der Industrialisierung betrachten, dann sehen wir eine Welt, die nach komplett anderen ja physikalischen und gesellschaftlichen Regeln funktionierte.
00:01:57: Also noch gar keine globalen Zeitzonen?
00:02:00: Genau!
00:02:01: Die Uhrzeit war damals kein globales unsichtbares Raster, das man irgendwie über den Planeten gelegt hat.
00:02:07: Es war eine extrem lokale fast schon physische Gegebenheit Und
00:02:12: genau das hat mich beim Durcharbeiten der Quellen auch am meisten verblüfft.
00:02:16: Wir sprechen hier wirklich von einer ultra lokalen Zeitmessung.
00:02:20: Jedes Dorf jede noch so winzige Stadt hatte ihre eigene völlig individuelle Uhrzeit.
00:02:26: Ja Wahnsinn oder?
00:02:28: Total Die Regel war ja eigentlich simpel.
00:02:31: Wenn die Sonne an genau dem Ort, an dem du gerade standest, ihren höchsten Punkt am Himmel erreichte – also den Zenit – dann war es exakt zwölf Uhr mittags.
00:02:40: Richtig!
00:02:41: Der Kirchturm wurde danach gestellt und zack das unumstößliche Gesetz für diesen einen Ort.
00:02:48: Und weil der Sonnenlicht durch die Erdrotation stetig nach Westen wandert, erreicht diese Sonne diesen Zenit natürlich nicht überall im selben Moment?
00:02:57: Logisch, ja….
00:02:58: Das bedeutet dann in der Konsequenz, dass wirklich jede Stadt entlang des Längengrades ihre komplett eigene Zeitzone bildete.
00:03:06: Okay lass uns das mal kurz auf unseren heutigen Alter übertragen weil das ist echt schwer zu fassen!
00:03:12: Das bedeutete also, dass München eine andere Uhrzeit hatte als Stuttgart?
00:03:16: Exakt.
00:03:17: Wenn es in München exakt zwölf Uhr Mittags war zeigte die Kirchturmur ein paar Kilometer weiter westlich sagen wir mal in Augsburg eine komplett andere Zeit an.
00:03:27: Also wenn man das mal hochrechnet, war das doch ein permanenter extremer Mikrojet-Lag oder?
00:03:32: Ja absolut.
00:03:34: Selbst wenn du im Jahr keine Ahnung, von einem Ende London zum anderen gelaufen bist, war deine Taschenuhe am Zielort streng genommen schon wieder um ein paar Sekunden falsch.
00:03:43: Das stimmt ja.
00:03:44: Wie
00:03:44: um alles in der Welt konnten die Menschen damals so leben.
00:03:47: also Wenn jede noch so kleine Gemeinde im Grunde in ihrer eigenen Zeitblase existiert hat wie hat man sich da überhaupt irgendwie überregional koordiniert ohne völlig den Verstand zu verlieren.
00:03:58: Das Erstaunliche ist ja, Sie haben diesen Microjet-Lag überhaupt nicht gespürt?
00:04:02: Echt
00:04:03: nicht?!
00:04:03: Nein!
00:04:04: Überhaupt nicht... Ihr Leben hatte einen völlig anderen Rhythmus.
00:04:09: Man darf bei dieser ganzen Betrachtung nicht vergessen wie die Menschen sich damals fortbewegt haben.
00:04:15: ne man reiste zu Fuß, man ritt vielleicht auf dem Pferd oder... Nur
00:04:18: saß halt ewig in einer Kutsche.
00:04:20: Genau das Reisen war unfassbar mühsam und extrem langsam.
00:04:25: Eine Reise von München nach Stuttgart dauerte nicht ein paar Stunden wie heute, sondern Tage.
00:04:32: Und wenn du tagelang auf irgendwelchen unbefestigten Straßen unterwegs bist dann spielt eine Zeitverschiebung von sagen wir sieben oder vierzehn Minuten am Zielort schlichtweg keine Rolle.
00:04:43: Ah ok Die Ungenauigkeit der Zeit wurde also quasi durch die Langsamkeit der physischen Fortbewegungen ja unsichtbar gemacht.
00:04:52: Das trifft es sehr gut.
00:04:54: Der Rhythmus der Gesellschaft war einfach ganz organisch an die Geschwindigkeit des menschlichen Körpers und der Natur angepasst.
00:05:01: Verstehe.
00:05:01: Wenn jemand nach so einer langen Kutschfahrt in einer neuen Stadt ankam, war der allererste bewusste Akt oft – der Blick auf die Rathaus-Uhr oder den Kirchturm!
00:05:12: Und dann nahm man seine eigene Taschenuhr raus und stellte die Zeiger einfach auf die lokale Zeit dieses neuen Ortes ein.
00:05:19: Fertig!
00:05:20: Krass….
00:05:21: Das heißt niemand brauchte... So eine Sekunden genaue überregionale Synchronisation?
00:05:27: Genau!
00:05:28: Nichts im Leben eines Durchschnittsbürgers passierte in einer Geschwindigkeit, die diese Sekunden irgendwie relevant gemacht hätte.
00:05:36: Die Zeit war gewissermaßen flexibel – sie war weich.
00:05:41: Wow das klingt eigentlich nach einer unfassbar entspannten Art zu leben.
00:05:44: also keine ständige Erreichbarkeit, keine Minutengenauen Deadlines...
00:05:49: Ja, eine schöne Vorstellung eigentlich
00:05:52: Schon, ne?
00:05:52: Aber diese idyllische Blase der lokalen Zeiten die platzte dann ja im zehnten Jahrhundert mit einem gigantischen Knall.
00:06:01: Die eisene Revolution rollte heran.
00:06:04: Oh ja!
00:06:05: Die Dampflocke Motive tauchte auf und zerschmetterte dieses alte beschauliche System komplett.
00:06:11: Plötzlich hatten wir diese riesigen feuerspeinenden Stahlmaschinen, die mit einer für damalige Verhältnisse unfassbarer Geschwindigkeit durch die Landschaft rasten.
00:06:21: Das war ein absoluter Kulturschock.
00:06:24: Reisezeiten, die vorher Tage in Anspruch nahmen, schrumpften einfach brutal auf wenige Stunden zusammen.
00:06:30: Und
00:06:30: genau hier entstand eine historische Diskrepanz Die eigentlich den Kern unseres heutigen Themas bildet.
00:06:36: Wir haben auf der einen Seite eine absolut revolutionäre Technologie, die den geografischen Raum extrem komprimiert.
00:06:43: Distanzen spielten plötzlich eine total untergeordnete Rolle, aber auf der anderen Seite steckte die menschliche Infrastruktur der Zeitmessung halt noch tief im Mittelalter.
00:06:52: Das
00:06:52: passt nicht zusammen!
00:06:53: Gar nicht – Die Technologie der Fortbewegungen befand sich quasi in der Zukunft, aber die zeitliche Organisation der Gesellschaft klebte noch fest in der Vergangenheit
00:07:03: Und das führte zu einem Chaos, dass man sich – also wenn man diese alten Berichte in den Quellen liest.
00:07:08: Das kann man sich heute kaum noch ausmalen?
00:07:11: Es war ein Albtraum!
00:07:12: Stell dir mal vor du bist Passagier im frühen Eisenbahnzeitalter Du stehst am Bahnhof, kaufst dir einen Ticket und studierst den Fahrplan.
00:07:20: Da steht dann Abfahrt um vierzehn Uhr Ankunft am Zielort um vierzen Uhr.
00:07:26: fünfzehn Klingt
00:07:27: gut
00:07:27: Ja, du rechnest kurz und denkst dir großartig, das ist ne kurze Fahrt von Fünfzehn Minuten Aber in der Realität sitzt du dann eine ganze geschlagene Stunde.
00:07:38: Weil das der mathematische Alptaum dieser lokalen Sonnenzeiten war, da Abfahrtsort und Zielort geografisch weit genug auseinander lagen hatten sie völlig unterschiedliche lokale Uhrzeiten!
00:07:50: Der Fahrplan war also nicht einfach eine praktische Abfolge von Reisedauern?
00:07:56: Nee, überhaupt nicht.
00:07:57: Das war eine hochkomplexe Umrechnungsaufgabe zwischen verschiedenen astronomischen Referenzpunkten.
00:08:03: Wahnsinn!
00:08:04: Für die Reisenden muss das doch purer Wahnsinn gewesen sein.
00:08:07: Aus den Quellen geht auch hervor dass die Bahnhöfe völlig überfordert waren diesem Chaos irgendwie Herr zu werden.
00:08:12: Ja...die wussten gar nicht was sie tun sollten.
00:08:14: Genau.
00:08:15: Und um den Passagieren dann irgendwie Orientierung zu bieten hingen die Bahnhofsbetreiber gigantische Uhren mit mehreren Zifferblättern auf.
00:08:22: Stimmt..das ist ein tolles Detail.
00:08:24: Ein Zifferblatt zeigte die Zeit der Stadt, in der man sich gerade befand.
00:08:27: Ein Zweites zeigete die Zeit des Hauptstadt.
00:08:30: Einen Drittes dann vielleicht?
00:08:31: Die Zeit der Zielregion.
00:08:33: Da stand der arme Kaufmann also mit rauchendem Kopf vor einer Bahnhofsuhr mit teilweise fünf Zifferblettern und musste erst mal studieren welche Zeit nun verdammt nochmal für seinen speziellen Zug galt.
00:08:45: Und die Zugbegleiter selbst hatten teilweise mehrere Taschenuhren in der Uni Form stecken nur um den Überblick zu behalten.
00:08:52: Unvorstellbar.
00:08:53: Dieses System war für eine Welt der Hochgeschwindigkeit schlichtweg nicht mittragfähig.
00:08:57: Es war ein totaler organisatorischer Kollaps!
00:09:00: Die lokale Zeitrechnung war einfach nicht dafür gemacht, dass Menschen an einem einzigen Tag mehrere dieser Zeitblasen durchqueren.
00:09:08: Wobei hier muss ich allerdings mal kurz nachhaken.
00:09:10: Gerne.
00:09:11: Klar das ist wahnsinnig verwirrend und total unpraktisch für die Reisenden.
00:09:16: aber war das wirklich der zwingende Grund das gesamte Konzept der Zeitrechnungen für die ganze Welt zu ändern?
00:09:21: Du meinst, ob es den Aufwand wert war?
00:09:24: Ja genau.
00:09:25: War das nicht eigentlich nur ein... ich sag mal Komfortproblem?
00:09:28: Hätte man nicht einfach bei den Fahrplänen eine kleine Fußnote setzen können so nach dem Motto bitte bedenken sie die zwanzig Minuten Sonnenverschiebung und überlässt den Leuten einfach das Rechnen.
00:09:38: Das ist ein guter Punkt!
00:09:40: Und wenn es wirklich nur um generfte Passagiere und verpasste Anschlüsse gegangen wäre dann hätte man das System vielleicht sogar noch Jahrzehnte genauso weiter laufen lassen.
00:09:49: Eben Menschen gewöhnen sich ja an alles Richtig!
00:09:52: Die Menschen sind erstaunlich gut darin, sich an unpraktische Systeme zu gewöhnen.
00:09:58: Aber das eigentliche Problem reichte viel tiefer und war wesentlich dramatischer.
00:10:04: Wir sprechen hier über die frühen Tage der Eisenbahn – die Technologie steckte noch total in den Kinderschuhen.
00:10:11: Und vor allem war die Infrastruktur extrem rudimentär.
00:10:15: Fast alle frühen Eisenbahnstrecken waren nämlich eingleisig.
00:10:19: Züge fuhren also auf exakt demselben Gleis in beide Richtungen.
00:10:23: Oh, oh wow okay!
00:10:26: Das ist der Punkt an dem man aus Bequemlichkeit plötzlich eine Frage von Leben und Tod wird oder?
00:10:31: Ganz genau.
00:10:31: Weil wenn du eine eingleisegestrecke hast, auf der keine Ahnung hunderte Tonnen schwerer Stahl in entgegengesetzte Richtung rasen dann gibt es halt keine Möglichkeit mehr auszuweichen
00:10:42: Nichts.
00:10:42: Wenn sich zwei Züge begegnen, hast du nicht so eine kleine Karambolage wie bei zwei Pferdekutschen die mal aneinander vorbeischrammen?
00:10:49: Du hast einen fatalen Frontalzusammenstoß.
00:10:52: und das einzige System des solche Katastrophen in den Anfangsjahren verhindern konnte war der strikte Fahrplan.
00:10:59: ein absolut Millimeter genauer oder sagen wir Sekundengenauer Zeitplan.
00:11:04: verstehe
00:11:05: Der Bahnhofsvorsteher in Stadt A musste ohne den allergeringsten Zweifel sicher sein, dass der Bahnhofsvorstehr in Stadt B den Gegenzug noch im Bahnhof festhält bevor er seinen eigenen Zug auf die eingleisige Strecke schickte.
00:11:18: Sie mussten sich blind auf die Zeiten verlassen können an denen die Züge an bestimmten Ausweichstellen ankommen sollten.
00:11:24: Aber genau da lag ja dann das tödliche Risiko.
00:11:26: Exakt!
00:11:27: Wenn der Vorstehrin Stadt A auf seine Taschenuhe schaute, die nach der lokalen Sonne von Stadt A gerichtet war Und vor STRB auf seine Uhr schaute, die einer ganz anderen lokalen Sonnenzeit folgte...
00:11:40: Dann hatten sie keine gemeinsame Informationsgrundlage.
00:11:43: Genau!
00:11:44: Fünf Minuten Unterschied auf der Uhr bedeuteten in der Realität dass Zwei Züge zur selben Zeit auf demselben Gleisabschnitt waren.
00:11:51: Es gab ja wirklich verheerende Unglücke genau aus diesem Grund wie man in den Quellen liest.
00:11:55: Richtig Das System fragte nach einer absoluten Synchronisation.
00:12:00: Die Eisenbahn brauchte eine einheitliche, genormte Zeit auf die sich alle verlassen konnten.
00:12:05: Okay das leuchtet ein!
00:12:07: Aber zu wissen dass man eine einhaltliche Zeit raucht ist ja eine Sache.
00:12:12: Die viel schwierigere Frage die sich aus unseren Quellen ergibt ist das Wie?
00:12:16: Ja
00:12:17: wie synchronisiert man im neunzehn Jahrhundert Lange vor dem Internet oder GPS, uren über hunderte oder tausende von Kilometern hinweg auf die Sekunde genau.
00:12:27: Und genau das war das größte Rätsel für mich beim Lesen der Quellen!
00:12:31: Wie zum Teufel haben sie dieses mechanische Wunder vollbracht?
00:12:36: Du kannst ja nicht einfach jemandem mit einer supergenau eingestellten Taschenuhr in einen Zug setzen und ihn ans andere Ende des Landes schicken...
00:12:43: Nee, das funktioniert nicht.
00:12:44: Weil allein die Reisezeit und die Erschütterungen im Zug die Uhr schon wieder ungenau machen würden?
00:12:48: Absolut!
00:12:49: Die Lösung lag aber in einer anderen revolutionären Erfindung... ...die praktischerweise zeitgleich mit der Eisenbahn florierte.
00:12:56: Dem Telegrafen?
00:12:57: Ja natürlich.
00:12:58: Die Telegrafendrähte wurden ja fast immer parallel zu den Eisenbahnschienen verlegt.
00:13:03: Das war einfach die perfekte Symbiöse Und man nutzte diese Drähte nun um Zeitsignale zu verschicken.
00:13:09: In Großbritannien beispielsweise schickte das Royal Observatory in Greenwich, also die Sternwarte jeden Tag zu einer absolut festen Uhrzeit einen elektrischen Impuls über das gesamte Telegrafennetz.
00:13:25: Dieser Impuls raste in Sekundenbruchteilen durch das ganze Land und löste an den Bahnhöfen akustische Signale aus oder bewegte sogar direkt die Zeiger spezieller elektromechanischer Uhren.
00:13:37: Das ist ja wie ein landesweiter elektronischer Herzschlag, das ist brillant!
00:13:43: Man entkoppelte die Zeit quasi von der Sonne am Himmel und koppelten sie stattdessen an einen elektrischen Impuls aus einer fernen Hauptstadt.
00:13:51: Genauso ist es
00:13:52: Aber Moment.
00:13:53: Und hier wird es wirklich interessant, wenn das Problem so massiv und buchstäblich lebensgefährlich war – und die Telegrafenlösung ja offensichtlich bereit stand.
00:14:03: Warum gab's da nicht sofort ein staatliches Gesetz?
00:14:05: Das sagte Schluss mit den lokalen Zeiten!
00:14:08: Ab morgen gilt überall die Telegrafenzeit.
00:14:11: Tja...das ist der klassische Konflikt zwischen rasantem technologischen Fortschritt und bürokratischer Trägheit.
00:14:19: Ah,
00:14:19: Politik?!
00:14:20: Genau….
00:14:21: Regierungen und staatliche Behörden waren damals unglaublich langsam.
00:14:25: Um ein Gesetz zur Änderung der nationalen Zeit zu erlassen, hätte es wahnsinnig langwierige parlamentarische Debatten gebraucht.
00:14:33: Klar wissenschaftliche Kommissionen, hitzige Diskussionen über die Kompetenz der Kommunen... Exakt!
00:14:40: Die Mühlen der Politik malten einfach viel zu langsam für die exponentielle Ausbreitung der Eisenbahn.
00:14:46: Mit jedem einzelnen Tag den der Staat zögerte riskierten die Eisenbahngesellschaften ja ihre Züge und noch wichtiger das Leben ihrer Passagiere.
00:14:56: Sie konnten also unmöglich auf den Staat warten, des Risiko war schlichtweg zu teuer.
00:15:00: Und genau aus dieser existenziellen und wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus geschah etwas wirklich Faszinierendes Die Eisenbahnkonzerne rissen das Ruder einfach selbst an sich.
00:15:14: Ja?
00:15:18: In Großbritannien führten die Unternehmen schon in den Achtzehnhundertvierzigerjahren eigenmächtig die sogenannte Railway-Time ein, die auf dieser Greenwich-Zeit basierte.
00:15:28: Sie verbannten die lokalen Zeiten einfach rigoros aus ihren Fahrplänen!
00:15:33: Krass – aber das absolute Paradebeispiel für diese unternehmerische Machtübernahme, dass mich in den Quellen wirklich staun ließ ist Nordamerika.
00:15:43: Oh ja…
00:15:43: Das ist eine Hausnummer für sich...
00:15:45: Die Distanzen dort waren ja gigantisch im Vergleich zu England.
00:15:49: Die USA hatten zu einem bestimmten Zeitpunkt über dreihundert verschiedene lokale Uhrzeiten, nach denen die Züge fuhren.
00:15:56: Ein völlig unhaltbarer Zustand!
00:15:58: Total.
00:16:00: und im Jahr eighteenhundertdreiundachtzig passierte dann das eigentlich Unglaubliche.
00:16:05: Die Bosse der großen amerikanischen Eisenbahngesellschaften trafen sich zur sogenannten General Time Convention ohne den US-Kongress überhaupt einzubeziehen.
00:16:17: Ohne ein einziges staatliches Gesetz, teilten diese Industriellen den Nordamerikanischen Kontinent kurzerhand selbst in vier standardisierte Zeitzonen ein.
00:16:27: Ein absolut beispielloser Akt!
00:16:29: Sie zugen buchstäblich dicke Linien auf einer Landkarte und entschieden so funktioniert die Realität von Zeit und Raum ab heute.
00:16:37: Wahnsinn
00:16:37: Wenn wir das mit dem Großen Ganzen in Verbindung bringen.
00:16:40: War es eben nicht der gewählte Staat oder eine demokratische Instanz, die diese massivste Veränderung im Alltag der Menschen durchsetzte?
00:16:47: Nee.
00:16:47: Es waren private Transportunternehmen.
00:16:49: Richtig!
00:16:50: Sie diktierten aus einer infrastrukturellen Not heraus einen neuen globalen Standard.
00:16:55: Ich finde das lässt sich extrem gut mit unserer unmittelbaren Gegenwart vergleichen.
00:16:59: Wie meinst du das?
00:17:00: Naja Denk an die gigantischen Tech-Konzerne von heute Apple Google, Meta und wie sie alle heißen.
00:17:07: Sehr oft sind es doch genau diese privaten Unternehmen die de facto unsere globalen Standards setzen.
00:17:13: Ah ja stimmt!
00:17:14: Sei's bei den Protokollen für das Internet?
00:17:17: Bei der Art & Weise wie digitale Privatsphäre technisch definiert wird oder ganz simpel bei den USB-Anschlüssen unserer Geräte?
00:17:24: Die Technologie rast voran – und die Gesetzgebung hängt oft Jahre wenn nicht Jahrzehnte hinterher.
00:17:29: Das ist ein sehr treffender Vergleich.
00:17:31: Ja
00:17:32: Im neunzehnten Jahrhundert füllten halt die Eisenbahnbarone dieses Machtwagen um.
00:17:35: Sie schufen technische Fakten und die Gesellschaft, inklusive der Politik musste sich dann zähneknirschend anpassen.
00:17:42: Genau wie wir heute oft hitzige gesellschaftliche Debatten über den Einfluss und die Macht von solchen Tech-Konzernen führen wurde die Einführung dieser neuen Eisenbahnzeit damals von der Bevölkerung keineswegs jubelnd begrüßt.
00:17:56: Oh nee das kann ich mir vorstellen!
00:17:58: Ganz im Gegenteil, es gab einen gewaltigen Widerstand.
00:18:02: Das wird ja auch eine wichtige Frage auf – nämlich wie tief greifend sich der menschliche Bezug zur Natur verändert hat?
00:18:10: Das wird in historischen Rückblicken oft vergessen.
00:18:12: aber für die Menschen damals war das ein tiefer geradezu philosophischer Schock!
00:18:18: Oh ja, die Berichte über diese Proteste in den Quellen sind echt spektakulär.
00:18:22: Die Menschen in den Städten und Dörfern wehrten sich vehement gegen diese – wie sie es nannten – künstliche Zeit!
00:18:28: Ja
00:18:29: Es gab Bürgerbewegungen, wütende Leitartikel in Zeitungen.
00:18:33: Für viele war die lokale Sonnenzeit nicht einfach nur eine unpraktische alte Gewohnheit.
00:18:38: Es war ein fast schon religiöses Prinzip... ...die wahre Zeit Gottes.
00:18:42: Genau das war das Argument.
00:18:44: Die Sonne war von einer höheren Macht an den Himmel gesetzt worden, um dem natürlichen Rhythmus des Lebens vorzugeben.
00:18:50: Und nun kamen da diese profitorientierten, anonymen Konzerne aus den fernen Großstädten und wollten den Menschen vorschreiben dass zwölf Uhr mittags nicht mehr dann ist wenn die Sonne am höchsten steht sondern ja dann wenn ein elektrischer Telegrafenklick aus einem weit entfernten Observatorium es befiehlt.
00:19:06: Es ging den Leuten ganz stark um Beformung und Entfremdung.
00:19:10: Stell dir mal diese kognitive Dissonanz vor Du trittst mittags auf auf den Marktplatz deines Dorfes.
00:19:15: Du blinzelst in die Sonne und siehst, dass sie exakt über dir im Zenit
00:19:18: steht.".
00:19:19: Ja... Ein ganzer Körper, deine ganze Lebenserfahrung sagt dir… Es ist genau Mittag!
00:19:25: Aber die nagelneue Bahnhofsur, die da von der Eisenbahngesellschaft installiert wurde behauptet eiskalt es sei erst elf uhrdreißig.
00:19:32: Verrückt
00:19:33: Das ist der Moment, in dem sich der Rhythmus der Maschine –die Effizienz des Kapitals- ganz real über die natürliche Beobachtung der Umwelt stellt.
00:19:41: In den Notizen fand ich dazu einen richtig guten Bericht über Bürgermeister, die sich schlichtweg weigerten, die Rathaus-Uren umzustellen.
00:19:48: Ja das gab's oft!
00:19:50: Manche Städte hatten dann plötzlich zwei Uhren lebeneinander am Rathaushängen eine mit der sogenannten Gotteszeit und einer mit der Eisenbahnzeit.
00:19:59: Manche Findigen-Uhrmacher boten sogar Taschenuhren mit zwei Zifferblättern an damit man quasi in beiden Realitäten gleichzeitig leben konnte.
00:20:06: Echt schlau eigentlich?
00:20:08: Es gab echte Zeitrevolten.
00:20:10: Letztlich stellte dieser Konflikt die große Frage – wie sehr lassen wir zu, dass Technologie unsere grundlegendste Wahrnehmung der Realität überschreibt?
00:20:20: Die Proteste hielten sicher zum Teil über Jahre!
00:20:23: Wahnsinn….
00:20:23: Aber der Ausgang dieses Kampfes war eigentlich unausweichlich … denn die ökonomischen Kräfte waren am Ende einfach zu stark.
00:20:31: Ja das war klar.
00:20:32: Wer wirtschaftlich nicht völlig abgehängt werden wollte musste am Ende kapitulieren.
00:20:37: Die Züge brachten ja die Briefe, sie transportierten die Güter für die Fabriken.
00:20:41: Sie brachten die Investoren und Geschäftsleute.
00:20:44: Richtig!
00:20:45: Eine Stadt, die sich aus Stolz sturweigerte diese Eisenbahnzeit zu übernehmen isolierte sich schlichtweg selbst.
00:20:51: Sie verpasste buchstäblich den Anschluss an die Moderne
00:20:54: Das kann man wörtlich so sagen.
00:20:56: Und so kletterten nach und nach die Bürgermeister dann doch zähne knirsend auf ihre Kirchtürme und stellten die jahrhundertealten Zeiger auf den abstrakten Standard der Bahnhöfe um.
00:21:07: Die Uhrzeit wandelte sich in genau diesem Prozess endgültig von einer astronomischen, natürlichen Beobachtung zu einer künstlichen rein administrativen Vereinbarung.
00:21:16: Ein gigantisches
00:21:18: unsichtbares
00:21:19: Raster wurde da über die Landkarten der Welt gelegt.
00:21:21: Das ist echt ein enormer Paradigmenwechsel!
00:21:24: Also was bedeutet das alles für uns?
00:21:27: Wenn wir all diese Aspekte mal zusammenfassen wird das Ausmaß dieser Veränderungen eigentlich erst richtig greifbar.
00:21:35: Die Eisenbahn hat im neunzehnten Jahrhundert nicht nur den physischen Raum für uns geschrumpft?
00:21:39: Nein, sie hat noch viel mehr getan.
00:21:41: Genau!
00:21:42: Sie hat als fast schon unbeabsichtigte Nebenwirkung die moderne einheitliche Uhrzeit erschaffen – diese abstrakte Taktung nach der Du, der uns gerade zuhört, der Experte hier und ich, nach der wir alle heute unseren kompletten Alltag strukturieren.
00:22:00: Vom Wecker am Morgen bis zur Tagesschau am Abend.
00:22:03: Richtig, ohne diese rasenden Dampflokomotiven die zwingend eine Synchronisation auf die Sekunde forderten gäbe es die Zeit, die gerade auf deinem Display steht so in dieser Form gar nicht.
00:22:15: Die Maschine hat die Sonne besiegt!
00:22:17: Ein starkes Bild ja?
00:22:18: Und an dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei dir fürs Zuhören bedanken.
00:22:23: Danke dass du uns heute bei diesem Deep Dive in die Geschichte unseres Alltags begleitet hast und uns deine Zeit, ob sie nun von der Sonne oder einem Telegrafen bestimmt wird geschenkt hast.
00:22:34: Da schließe ich mich sehr gerne an.
00:22:35: Vielen Dank fürs Zuhören!
00:22:37: Aber ich möchte dich nicht entlassen ohne noch einen weiteren ziemlich faszinierenden Gedanken aufzuwerfen.
00:22:43: Oh okay...
00:22:44: Wenn wir heute gesehen haben wie drastisch eine Technologie also die Eisenbahn unsere komplette Wahrnehmung von Zeit revolutionieren musste nur um zu funktionieren dann müssen wir uns echt fragen was die Zukunft bringt.
00:22:57: Oh, jetzt bin ich gespannt.
00:22:58: Wie
00:22:58: stehen ja heute an der Schwelle zur interplanetaren Raumfahrt?
00:23:01: Wenn wir Menschen in einigen Jahrzehnten zum Mars schicken und dort Kolonien errichten, betreten wir eine Welt, in der irdische Zeitzonen Schaltjahre-und die Greenwich Mean Time völlig irrelevant werden!
00:23:12: Ja klar – da drüben ticken die Uhren buchstäblich anders.
00:23:16: Ein Sonnentag auf dem Mars, so genanter Sol dauert knapp vierzig Minuten länger als einen Tag auf der Erde Und die Kommunikation über diese enormen Distanzen hat durch die Lichtgeschwindigkeit eine massive Verzögerung.
00:23:31: Also wenn wir bald interplanetare Reisen und das Leben dort etablieren, werden wir konfrontiert mit dieser völlig neuen räumlichen Realität – Das Konzept von Zeit dann ein zweites Mal komplett neu erfinden müssen!
00:23:54: Passt gut auf deine Zeit auf, genießt deinen Tag und vor allem verpasst deinen Zug nicht.
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