Folge 18 - Die Luftballon-Gelenke

Shownotes

Ein kurzes Ziehen, ein lautes Knacken – für die einen eine echte Wohltat, für andere einfach nur unangenehm. Aber was erzeugt eigentlich dieses vertraute Geräusch in unseren Händen? Die Antwort ist ein verblüffendes physikalisches Schauspiel, das sich in Millisekunden tief in unseren Gelenken abspielt. Viel Spaß mit dieser Folge!

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00:00:00: Du kennst diese Situation garantiert.

00:00:03: Du sitzt da in einem Raum, vielleicht in einem wirklich wichtigen Meeting – es ist gerade relativ still und alle sind konzentriert.

00:00:10: Oh ja!

00:00:11: Das klassisches Szenario.

00:00:13: Genau.

00:00:14: Und plötzlich macht es direkt neben dir so ein richtiges Knack.

00:00:18: Knack-knack

00:00:19: Ein furchtbares Geräusch für manche

00:00:22: Absolut.

00:00:23: Jemand zieht an seinen Fingern und es klingt halt echt, als würden kleine Äste zerbrechen!

00:00:28: Und entweder bist du genau diese Person die das jeden Tag mit so einer gewissen Genugtuung macht oder du bist auf der anderen Seite und zuckst jedes Mal innerlich zusammen weil es einfach so brutal klingt.

00:00:40: Ja, das polarisiert extrem.

00:00:42: Total.

00:00:43: Aber was wenn ich dir sage?

00:00:45: dass bei diesem markerschütternden Geräusch absolut kein einziger Knochen im Spiel ist.

00:00:49: Herzlich willkommen zu unserer neuen Tiefenbohrung, in der wir uns exakt diesem Alltagsklassiker widmen!

00:00:55: Schön, dass du wieder zuhörst.

00:00:57: Okay, lass uns das mal aufdröseln... was kracht da eigentlich so unheimlich laut wenn wir an unseren Fingern ziehen?

00:01:04: Und vor allem ist es wirklich so schädlich wie immer gewarnt wurde?

00:01:09: Es ist wirklich ein mega faszinierendes Phänomen Eines, dass die Menschheit wie du schon sagst in zwei absolute Lager spaltet.

00:01:17: Und der mit Abstand am weitesten verbreitete Irrtum ist genau der den du gerade angesprochen hast.

00:01:22: Dass da Knochen aneinander reiben?

00:01:24: Genau das!

00:01:25: Das dort Knochereiben oder sogar kleine Knochanabsplitterungen dieses Geräusch verursachen.

00:01:30: Dieses extrem harte Knacken suggeriert unserem Gehirn halt sofort, dass da massive Strukturen aufeinanderschlagen.

00:01:36: Ja klar es klingt ja auch so.

00:01:37: Eben aber das ist ein völliger Trugschluss.

00:01:40: Es ist definitiv kein mechanisches Schlagen von Knochen auf Knoche.

00:01:43: Okay, wow!

00:01:46: Also wirklich zu verstehen was da stattdessen passiert?

00:01:49: Müssen wir uns die Architektur unserer Gelenke mal genauer ansehen oder?

00:01:53: Richtig

00:01:54: – Wir müssen in die Anatomie eintauchen.

00:01:57: Wenn wir über die Fingergelenke sprechen haben wir es ja mit einer sehr spezifischen Konstruktion zu tun.

00:02:02: Ich meine….

00:02:03: Die Biologie baut nichts ohne Grund.

00:02:05: Die Struktur erklärt hier definitiv die Funktion

00:02:09: Ganz genau.

00:02:10: Wir bewegen uns hier im Bereich der sogenannten Diarthrosen, also das ist der medizinische Begriff für echte frei bewegliche Gelenke und die Unterscheidung ist hier extrem wichtig

00:02:22: Weil es auch unechte Gelenken gibt?

00:02:24: Exakt Ein echtes Gelenk unterscheidet sich fundamental von anderen Verbindungen im Körper.

00:02:30: Denkt zum Beispiel an die starren Nähten, die unsere Schädelplatten zusammenhalten oder so faserige Verbindungs zwischen bestimmten Knochen.

00:02:37: Ah ok

00:02:39: Eine Diathrose ist so konstruiert, dass sie maximale Beweglichkeit bei minimaler Reibung ermöglicht.

00:02:45: Man muss sich dieses Fingergelenk quasi als einen absoluten Hochsicherheitstrakt vorstellen.

00:02:50: Es ist ein völlig in sich geschlossenes autonomes System

00:02:54: Ein hermetisch abgeriegelter Raum.

00:02:56: also Wir haben da die Enden der beiden Knochen, die auf ein Hünder treffen und diese Enden sind mit einer extrem glatten Knorpelschicht überzogen

00:03:05: Wie eine Schutzschicht.

00:03:06: Und um diese gesamte Struktur herum liegt dann die Gelenkkapsel, die das Ganze von der Außenwelt isoliert.

00:03:13: Richtig!

00:03:13: Da kommt absolut nichts rein und es geht nichts raus.

00:03:16: Perfekt zusammengefasst... Diese Gelenkkapsel besteht aus straffen Bindegewebe und dichtet das Gelenck wirklich vollkommen ab.

00:03:24: Das ist die absolute Grundvoraussetzung für alles was wir gleich noch besprechen werden.

00:03:28: Okay ich bin gespannt.

00:03:29: Innerhalb dieser Kapsel befindet sich dann die Synovialflüssigkeit.

00:03:33: Das nennt man umgangssprachlich auch einfach Gelenkschmiere.

00:03:37: Gelenkschmiere, ja das Wort kennt man!

00:03:40: Und wenn man sich anschaut was diese Schmiere eigentlich macht wird total schnell klar dass das weit mehr ist als nur ein simples Schmieröl für unsere biomechanischen Scharnieren.

00:03:51: Ohja, das Zeug ist ein Multitalent.

00:03:53: die erfüllt nämlich gleich drei essentielle Funktionen auf einmal.

00:03:57: Die mechanische Funktion ist natürlich die offensichtlichste.

00:04:01: Also sie reduziert die Reibung zwischen den Knorpelflächen auf ein absolutes Minimum, fast gegen Null.

00:04:07: Mhm,

00:04:07: damit sich nichts abnutzt?

00:04:09: Genau!

00:04:10: Aber die biologische Funktion finde ich eigentlich noch viel bemerkenswerter.

00:04:14: Die Flüssigkeit ist nämlich auch für die Nährstoffversorgung des Knorpels zuständig

00:04:18: Und das ist ein Detail, dass wirklich oft übersehen wird aber für das Verständnis unsere Anatomie enorm wichtig ist.

00:04:25: Knorpelgewebe ist nämlich Bradietruf.

00:04:30: Das bedeutet, es besitzt absolut keine eigenen Blutgefäße.

00:04:37: Und wenn Knorpeln nicht durchblutet wird – wie bekommt er dann Sauerstoff und Nährstoffe?

00:04:42: Er muss sie über Diffusion aus der direkten Umgebung aufnehmen!

00:04:46: Die Sinovialflüssigkeit badet den Knorpels also quasi kontinuierlich.

00:04:52: Bei jeder Bewegung des Fingers wird diese Flüssigkeit wie bei einem Spamm in den Knorpel hinein gepresst und wieder herausgedrückt.

00:04:59: So wird das Gewebe überhaupt erst am Leben erhalten!

00:05:02: Das ist Wahnsinn!

00:05:03: Und die dritte Funktion ist dann die Physikalische, richtig?

00:05:06: Sie dient als hydraulischer Stoßdämpfer bei Druckbelastungen.

00:05:10: Wenn wir also etwas greifen oder uns abstützen fängt diese Flüßigkeit die Spitzenlasten ab.

00:05:15: Genau ein eingebauter Stoostämfer.

00:05:21: Aber genau hier stoße ich auf einen logischen Widerspruch.

00:05:25: Lass hören!

00:05:26: Diese Synnovialflüssigkeit wird in unseren Quellen oft so beschrieben, dass sie von der Konsistenz ja stark an rohes Eiweiß erinnert – also Sie ist C, viskos und extrem gleitfähig….

00:05:38: Ja

00:05:38: das ist ein sehr guter Vergleich.

00:05:40: Wenn ich mir nun vorstelle, dass in dieser luftdichten Kapsel zwei weiche Knorpelflächen in so einer eiweißartigen dämpfenden Flüssigkeit aneinander gleiten wie in aller Welt soll ein System, das derart auf Reibungsfreiheit ausgelegt ist, ein so lautes knallendes Geräusch erzeugen?

00:05:58: Das ist die große Frage.

00:05:59: Flüssigkeiten schlagen ja nicht!

00:06:01: Ich meine einen Tropfen rohes Eiweiß macht null Lärm wenn man ihn auseinander zieht.

00:06:05: Das ist eine exzellente Beobachtung.

00:06:07: Wenn wir das Gelenk wirklich nur als eine simple Kombination aus Knochen Knorpel und einer reinen Flüssigkeit betrachten würden hättest du vollkommen recht Es gäbe überhaupt keinen Mechanismus für dieses Geräusche.

00:06:19: Okay.

00:06:19: Der Schlüssel zur Antwort liegt aber nicht in der Flüssigkeit an sich, sondern in dem was völlig unsichtbar in ihr gelöst ist.

00:06:27: Aha!

00:06:28: Du sprichst von Gasen?

00:06:29: Richtig In dieser Synovialflüssigkeit befinden sich gelöste Gase.

00:06:34: Hauptsächlich sprechen wir hier von Kohlendioxid, Stickstoff und zu einem kleineren Teil auch Sauerstoff.

00:06:41: Und woher kommen die?

00:06:43: Die diffundieren ganz natürlich aus dem umliegenden Gewebe darein Im normalen Ruhezustand deines Fingers.

00:06:49: Also wenn du einfach nur da sitzt und zuhörst, merkst Du davon überhaupt nichts!

00:06:53: Klar...

00:06:54: Diese Gase sind in der zähflüssigen Schmierer auf molekulare Ebene gelöst.

00:07:00: Sie sind physisch vorhanden Aber sie existieren halt nicht als Bläschen.

00:07:04: Sie verhalten sich völlig ruhig und stabil.

00:07:07: Hier wird es nämlich wirklich interessant.

00:07:10: Lass uns dieses System mal in Aktion betrachten

00:07:12: Okay?

00:07:13: Sehr gerne.

00:07:14: Wir haben also diese abgedichtete Kapsel Wir haben die Viskose Schmiere als Stoßdämpfer und wir haben diese gelösten Gase, die sich quasi in der Flüssigkeit verstecken.

00:07:23: Wenn ich jetzt in meine Meeting sitze, meine Hände verschränke und mechanisch an meinen Fingern ziehe oder sie extrem weit nach hinten biege dann dehne ich diese Gelenkkapsel.

00:07:33: Ich ziehe die Knochenenden ein winziges Stückchen auseinander.

00:07:36: Genau

00:07:36: das tust du!

00:07:37: Und jetzt betreten wir das Feld der Fluid-Dynamik.

00:07:40: Was da in dem Moment passiert, ist im Grunde reine Physik.

00:07:44: Du vergrößerst durch das Ziehen des Volumen innerhalb dieser hermetisch abgeriegelten Gelenkkapsel.

00:07:49: Warte mal kurz!

00:07:51: Wenn sich das Volumen in einem geschlossenen Raum vergrössert Die Kapsel aber absolut luftdicht ist und keine neue Flüssigkeit oder Luft von außen nachströmen kann Dann bleibt die Masse im inneren Jahr konstant

00:08:04: Richtig.

00:08:06: Das bedeutet zwingend, dass der Druck in diesem Hohlraum massiv und schlagartig abfallen muss oder?

00:08:12: Wir erzeugen durch das Ziehen am Finger einen richtig starken Unterdruck.

00:08:15: Und das Faszinierende hierbei ist exakt diese Reaktion auf den Druckabfall!

00:08:20: Du hast das physikalische Prinzip gerade perfekt skizziert.

00:08:23: Wenn der Druck an einer Flüssigkeit rapide abfällt verendet sich die Löslichkeit der darin befindlichen Gase dramatisch.

00:08:30: Die Gase, die bisher ganz friedlich und unsichtbar in der Gelängsschmier gelöst waren können bei diesem extrem niedrigen Druck schlichtweg nicht mehr in der flüssigen Phase gebunden bleiben.

00:08:40: Das thermodynamische Gleichgewicht bricht komplett zusammen.

00:08:42: Sie müssen also raus sie gasen aus genau wie bei einer Flasche Sprudelwasser wenn man den Deckel auftritt und der Druck entweicht plötzlich steigender überall Bläschen auf.

00:08:52: ein sehr treffender Vergleich.

00:08:53: ja In der Physik nennt man diesen Prozess der Bläschenbildung in Flüssigkeiten durch einen plötzlichen Druckabfall, übrigens Kavitation.

00:09:01: Dein Gelenk wird in diesem Moment buchstäblich zu einem winzigen Luftballon.

00:09:05: Luftballongelenk?

00:09:06: Verrückt!

00:09:07: Es bilden sich im Bruchteil einer Sekunde kleine Gasbläschen in der Synovialflüssigkeit.

00:09:13: Aber und das ist jetzt der absolut entscheidende Punkt Das Ausperlen der Gase selbst Ist noch nicht das was wir als Knacken hören.

00:09:20: Das Ausgasen an sich ist nämlich relativ leise.

00:09:23: Okay, wow!

00:09:24: Das heißt das Geräusch entsteht gar nicht in dem Moment, indem ich das Gelenk Däne und den Unterdruck aufbaue.

00:09:30: Ich dachte echt immer, dass Knacken ist das Geräuch des Auseinanderziehens an sich?

00:09:34: Ne, das is ein Irrtum...

00:09:36: Aber wenn das Ausperlen der Bläschen leise

00:09:39: iß?!

00:09:40: Woher in aller Welt kommt dann dieser orenbetäubende Knall?

00:09:44: Na

00:09:44: ja du ziehst ja weiter an deinem Finger.

00:09:46: Der Unterdruck im Gelenke steigt immer weiter an weil Du das Volumen maximal vergrößerst während das Gewebe der Kapsel gleichzeitig dagegen hält.

00:09:55: Du erzeugst immense Spannungen in diesem winzigen Mikrokosmos und irgendwann ist ein kritischer physikalischer Punkt erreicht, diese neu gebildeten extrem unterspannungsstehenden Gasbläschen halten dem enormen Unterdruck und den gegensätzlichen Kräften der umgebenden Flüssigkeit einfach nicht mehr stand.

00:10:13: Sie kollabieren!

00:10:14: Sie

00:10:14: kollabbieren nicht nur sie implodieren förmlich – sie fallen komplett in sich zusammen und zwar mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit.

00:10:22: Wir sprechen hier von einem Vorgang, der in Bruchteilen eine einzigen Millisekunde abläuft.

00:10:27: Wahnsinn!

00:10:28: Um das vielleicht mal in einen Kontext zu setzen ist ein Mechanismus, der so viel mikroskopische Energie freisetzt dass man ihn in der Technik bei riesigen Schiffspropellern fürchtet.

00:10:39: Wenn U-Boot Propeller sich extrem schnell drehen erzeugen sie ebenfalls einen Unterdruck im Wasser.

00:10:45: Es entstehen Kavitationsbläschen.

00:10:48: Und wenn diese implodieren, sind die Kräfte so gewaltig dass sie auf Dauer sogar massiven Stahl anfressen können.

00:10:54: Das ist unglaublich.

00:10:56: und genau diese Art von brutaler Implosion findet in meiner kleinen Hand statt.

00:11:01: Auf einer deutlich kleineren Skala natürlich aber ja das Prinzip ist das gleiche.

00:11:06: Dieses schlagartige blitzschnelle Zusammenfallen des Gasbläschens im Fingergelenk erzeugt eine echte handfeste akustische Schockwelle.

00:11:13: Krass!

00:11:14: Die Blase implodiert, die umgebende Flüssigkeit prallt in den entstehenden Hohlraum zusammen und diese immense Energie wandert als Druckwelle nach außen.

00:11:24: Sie schieß durch die Synovialflüssigkeit, durch die Gelenkkapsel, durch das umliegende Bindegewebe und wird sogar von den angrenzenden Knochen weitergeleitet.

00:11:33: Und das, was da schließlich am Ende an das Ohr meiner total generften Kollegen dringt in diesem stillen Meetingraum ist genau diese akustische Schockwelle.

00:11:41: Es ist kein Knochen der über einen anderen schrappt!

00:11:44: Es ist der gnadenlose physikalische Kollaps eines mikroskopisch kleinen Gasbläschens im extremen Unterdruck – Kavitation in Aktion.

00:11:53: Das ändert den Blick auf diese Alltagssituation wirklich komplett, finde ich.

00:11:57: Es

00:11:57: ist in der Tat ein richtig beeindruckendes Treutenis dafür wie kraftvoll physikalische Vorgänge auf mikroskopischer Ebene sein können und es erklärt auch das nächste Phänomen dass jedem Gewohnheitsknacker wahrscheinlich bestens vertraut ist

00:12:11: Stimmt also.

00:12:13: was bedeutet das alles für die Praxis?

00:12:15: Wir kennen das ja alle.

00:12:16: jemand knackt genüsslich jeden seiner zehn Finger durch Und manchmal versucht man dann, den selben Finger direkt noch einmal knacken zu lassen.

00:12:24: Was nicht funktioniert?

00:12:25: Genau!

00:12:26: Man drückt, man zieht... ...man verdreht den Finger wie wild aber es passiert absolut nichts.

00:12:30: Es fühlt sich total stumpf an und das Gelenk bleibt einfach stumpm.

00:12:34: Warum kann man da nicht schummeln?

00:12:36: Das ist eine direkte unvermeidliche Konsequenz aus der Gravitationsphysik, die wir gerade besprochen haben.

00:12:42: In der Physiologie sprechen wir hier von der sogenannten Refractärzeit.

00:12:46: Das System braucht schlichtweg eine Erholungsphase.

00:12:49: Wenn ich da mal kurz bei unserer Analogie mit dem Sprudelwasser bleibe... wenn ich eine Flasche schüttle und öffne, sprudelt das Gas mit einem riesigen Zischen heraus.

00:13:00: Ich kann die Flasche danach ja sofort wieder schließen und direkt noch einmal schütteln, aber der große Effekt bleibt halt aus.

00:13:07: Das Gas ist ja bereits entwichen oder schwirrt als Schaum umher!

00:13:11: Ich müsste theoretisch warten bis sich unter Druck wieder genug Kohlensäure im Wasser gelöst hat, um den gleichen Effekt nochmal zu

00:13:18: erzielen.".

00:13:18: Das ist eine hervorragende Analogie – und genau das passiert in deinem Gelenk.

00:13:23: Nachdem dieses Kapitationsbläschen mit einem Riesenknall implodiert Ist das Gas ja nicht einfach komplett aus der Welt geschafft?

00:13:30: Nee, wo soll's auch hin.

00:13:31: Richtig!

00:13:31: Es kann nirgends.

00:13:32: wohin denn wir erinnern uns die Gelenkkapsel ist ein luftdichter Hochsicherheitstrakt.

00:13:37: Das Gas entweicht nicht einfach ins Blut oder den Körper.

00:13:41: es bleibt in der Kapsel gefangen

00:13:42: Aber halt eben nicht mehr als diese eine große Blase die diesen massiven Knall erzeugen kann.

00:13:47: Exakt

00:13:48: Durch die brachiale Gewalt der Implosion wurde das Gas in Myriaden von winzigen mikroskopisch kleinen Bläschen zerrissen.

00:13:56: Diese Mikroluftbläschen schweben nun wie so ein ganz feiner Nebel in der Gelenkschmiere.

00:14:01: Und solange das Gas in dieser Form vorliegt, kannst du am Gelenk ziehen, wie lustig bist!

00:14:07: Der Unterdruck den Du aufbaust reicht einfach nicht aus um ein neues lautes Cavitationsereignis auszulösen.

00:14:13: Das System ist quasi bereits dekomprimiert.

00:14:16: Und das dauert dann eine Weile, bis sich das wieder sortiert hat.

00:14:18: oder ich meine die Physik braucht ihre Zeit?

00:14:20: Man liest in den Papers oft dass es im Durchschnitt exakt fünfzehn- bis zwanzig Minuten dauert bis sich dieses System wieder reguliert hat.

00:14:29: Zwanzig minuten in denen der Finger quasi auflädt – ganz genau!

00:14:33: Während dieser fünfzehnt bis zwanzig Minuten stellt sich durch die natürlichen, ruhenden Druckverhältnisse im Gelenk langsam wieder ein neues thermodynamisches Lösungsgleichgewicht ein.

00:14:45: Die mikroskopischen Gasbläschen werden Stück für Stück, Molekül für Molekühl wider vollständig in der zerrflüssigen Schmiere gebunden.

00:14:54: Sie verschwinden aus ihrer gasförmigen Phase und werden wieder flüssig gebunden.

00:14:58: Erst wenn dieser Prozess ganz abgeschlossen ist, ist das Gas wieder unsichtbar in der Synuvialflüssigkeit versteckt.

00:15:04: Und erst dann sind die physikalischen Ausgangsbedingungen im Gelenk wieder so hergestellt, dass ein neuer Zug am Finger diesen extremen Unterdruck erzeugen kann, der die Gase erneut schlagartig ausperlen und kollabieren lässt?

00:15:18: Die Physik lässt sich da einfach nicht überlüften!

00:15:20: Definitiv nicht – du musst diese Refractärzeit abwarten ob du willst oder nicht.

00:15:25: Okay, das beruhigt vielleicht die Nerven derjenigen, die Angst haben dass man sich pausenlos und ohne Unterbrechungen die Finger knacken kann.

00:15:34: Aber wenn wir mal ganz ehrlich sind Wir wissen jetzt Das bei jedem dieser Knackgeräusche echte hochenergetische akustische Schockwellen in Millisekunden durch unsere Gelenke, durch das Knorpelgewebe und die Knochenjagen.

00:15:47: Ja,

00:15:48: das klingt erst mal dramatisch!

00:15:49: SchockWellen, die verwandt sind mit Kräften, die massive Schiffsschrauben beschädigen können.

00:15:54: Das klingt – wenn man sich das bildhaft vorstellt extrem gewalttätig für unseren eigenen Körper.

00:16:00: Und da drängt sich doch unweigerlich diese eine große medizinische Frage auf, die uns alle wirklich seit der Kindheit verfolgt.

00:16:08: Jede Oma jeder besorgte Lehrer hat es gesagt lasst das knacken davon bekommst du Atrose Davon reibt sich der Knorpel ab und du bekommest krumme Finger.

00:16:16: ja der absolute Klassiker.

00:16:17: wenn wir das jetzt mit dem großen Ganzen verbinden müssen wir uns ansehen was die klinische Evidenz dazu sagt.

00:16:23: Es ist wirklich eine der hartnäckigsten medizinischen Überzeugungen im Alltag.

00:16:28: Die Spannung steigt!

00:16:30: Aber die moderne Wissenschaft ist hier erstaunlich klar und unmissverständlich.

00:16:38: Es gibt keinen seriösen medizinischen Beweis dafür, dass habituelles also dieses gewohnheitsmäßige ständige Fingerknacken zu Knorpelverschleiß oder eben zu Arthrose führt.

00:16:49: Wirklich

00:16:49: gar keinen?

00:16:50: Gar keinen!

00:16:51: Die Schockfällen sind zwar auf mikroskopischer Ebene enorm schnell und energiereich aber in der Relation zur Masse und der dämpfenden Eigenschaft des Knorpels richten sie einfach keinen strukturellen Schaden an der glatten Gelenkfläche an.

00:17:04: Wahnsinn.

00:17:05: Und genau an diesem Punkt gibt es aus unseren Quellen eine historische Anekdote, die einfach zu faszinierend ist um sie nicht ausführlich zu besprechen.

00:17:15: Es geht um den kalifornischen Arzt Dr.

00:17:17: Donald Anghe.

00:17:19: Ein Mann der sich offenbar nicht einfach mit einer anekdotischen Warnung seiner Großmutter abfinden wollte – er wollte es ganz genau wissen!

00:17:30: Und zwar nicht durch eine kleine schnell finanzierte Beobachtungsstudie, sondern durch das wohl extremste Eigen-Experiment dass man sich bei diesem Thema überhaupt vorstellen kann.

00:17:40: Die Geschichte von Dr.

00:17:41: Unger ist tatsächlich ein bemerkenswertes Zeugnis für wissenschaftliche Sturheit und unglaubliche Hingabe.

00:17:49: Es sagt sehr viel darüber aus wie lange sich unbewiesene Mythen selbst in der medizinischen Gemeinschaft halten können ohne dass jemand sie grundlegend empirisch hinterfragt.

00:17:58: Absolut Dr.

00:17:59: Oma hat das über unfassbare Sechzig Jahre hinweg jeden einzelnen Tag ein strengen, diszipliniertes Protokoll befolgt.

00:18:07: Jeden Tag mindestens zweimal hat er die Gelenke seiner linken Hand knacken lassen.

00:18:13: Seine rechte Hand hingegen hat er während dieser gesamten sechs Jahrzehnte strikt in Ruhe gelassen.

00:18:18: Die rechte hand war seine persönliche Kontrollgruppe, er hat sie nie absichtlich geknackt.

00:18:23: Wenn man das mal hochrechnet sprechen wir hier von über drei und vierzig tausend tagen Dreiundvierzichttausend Tage an denen er methodisch und absichtlich Kavitationsschockwellen In seiner linken hand ausgelöst hat.

00:18:34: ein solches experiment erfordert wirklich eine unglaubliche konstanz.

00:18:39: Normalerweise scheitern solche Eigenexperimente ja schon nach wenigen Monaten, weil der Alltag dazwischenkommt oder einfach das Interesse schwindet.

00:18:46: Dass er das über ein halbes Jahrhundert durchgezogen hat macht es zu einem wirklich einzigartigen Datenpunkt in der Medizingeschichte auch wenn es nur N gleich eins also ein einziger Proband war.

00:18:58: und dass Ergebnis dieses gigantischen persönlichen Opfers für die Wissenschaft.

00:19:04: Nach diesen sechzig Jahren ließ er sich detaillierte Rondgenbilder von beiden Händen anfertigen.

00:19:09: Der knackenden Linken und der geschontem Rechten.

00:19:12: Das radiologische Ergebnis war glasklar, es gab absolut keinen Unterschied – null!

00:19:19: Keine der beiden Hände zeigte irgendwelche Anzeichen von Atrose.

00:19:24: Die Knochenstruktur die Dichte des Knorpels, die Breite der Gelenkspalten bei beiden Henten war alles völlig gesund und altersentsprechend identisch.

00:19:33: Die linke Hand hatte Zehntausende von Schockwellen absorbiert und der Knorpel hat sich davon überhauptig beeindruckend lassen.

00:19:40: Fantastisch!

00:19:41: Und für diese jahrzehntelange Beharrigkeit, mit der er einen der populärsten Gesundheitsmüten der westlichen Welt demontiert hat, wurde er schließlich auch geährt.

00:19:50: Zwei-tausendneun erhielt Dr.

00:19:52: Unger nämlich den alternativen Nobelpreis – den sogenannten IK-Nobelpreis für Medizin.

00:19:57: Ah, das ist diese witzige Auszeichnung….

00:19:59: Genau, das ist eine Auszeichnung für wissenschaftliche Forschung die Menschen zuerst zum Lachen und dann zum Nachdenken bringen.

00:20:07: Und seine Arbeit deckt sich übrigens auch mit modernen viel größer angelegten radiologischen Beobachtungsstudien.

00:20:14: Wenn man hunderte von Menschen untersucht stellt man fest, Menschen die ihr Leben lang mit den Fingern knacken haben statistisch gesehen überhaupt kein höheres Atrose-Risiko als Menschen die das niemals tun.

00:20:27: Also ein kompletter, uneingeschränkter Freifahrtsschein für alle Knacker da draußen.

00:20:31: Man kann bedenkenlos so viel ziehen und drücken wie man möchte.

00:20:35: Na ja ganz so pauschal sollte man es vielleicht nicht formulieren.

00:20:38: Es gibt ein kleines aber wichtiges medizinisches Aber das wird zur Ausgewogenheit noch ansprechen müssen.

00:20:45: Auch wenn das Risiko für den gefürchteten Knorpelabbau, also die Arthrose nicht steigt heißt es nicht dass ständige extreme mechanische Krafteinwirkung völlig spurlos an den Händen vorbeigeht.

00:20:57: Wer ist wirklich extrem übertreibt und mit sehr viel Kraft mehrmals täglich an seinen Fingern reißt?

00:21:03: Der schädigt zwar nicht die Gelenkflächen selbst aber vielleicht die Strukturen drum herum.

00:21:07: Genau das ist der Punkt!

00:21:09: Die Gefahr liegt nicht im Knorpeln sondern in der Gelenkkapsel und den Haltebändern.

00:21:14: Wenn du das Gelenk ständig unter maximalen Zug setzt, könntest Du auf lange Sicht die Bänderstrukturen, die das Geling stabilisieren überdehnen.

00:21:23: Eine mögliche Konsequenz aus dieser chronischen Überdehnung wäre dann eine leichte Verminderung der Griffstärke.

00:21:29: Die Hand verliert eventuell ein wenig von ihrer muskulären und bandgestützten Stabilität.

00:21:34: Der Kraftschluss beim Greifen wird leicht instabiler.

00:21:37: Das ist aber eher ein biomechanisches Problem der Haltemechanismen und kein degenerativer Verschleiß der Gelenkflächen.

00:21:44: Okay, das ist eine extrem faire und wichtige Differenzierung!

00:21:48: Wenn man es übertreibt, leiern er die Haltbänder aus als dass der Knorpel splittert – verstanden?

00:21:54: Lass uns dieses Ganze neu gewonnene Wissen mal kompakt auf eine höhere Ebene heben.

00:21:59: Wenn du, der uns gerade zuhört heute etwas aus dieser tiefen Bohrung mitnimmst, dann solltest das sein!

00:22:04: Unser Körper ist ein meisterhaftes hydraulisches System.

00:22:08: Da drinnen reiben überhaupt keine trockenen Knochen aufeinander.

00:22:11: Es ist reine blitzschnelle Fluid-Dynamik.

00:22:14: Schön zusammengefasst

00:22:15: Wenn du am Finger ziehst, vergrößerst du das Volumen in einem hermetisch abgedichteten Raum.

00:22:21: Du erzeugst einen massiven Unterdruck der die gelösten Gase zwingt als Bläschen aus der Gelenkschmierer auszuperlen und wenn dieser Unterdrucks seinen Höhepunkt erreicht implodieren diese Bläsche in Bruchteilen einer Millisekunde – das ist die berühmte Kavitation!

00:22:38: Und die dabei freigesetzte akustische Schockwelle?

00:22:41: Das ist das Knacken, dass wir hören….

00:22:43: Gefolgt von einer physikalisch bedingten Zwangspause von rund zwanzig Minuten, in denen sich diese winzigen Gasreste erst wieder unter Druck im Gewebe lösen müssen bevor das Spektakel überhaupt von vorne beginnen kann.

00:22:57: Genau.

00:22:58: Und das Allerwichtigste, wir wissen – dank sechzig Jahren kalifornischer Hingabe -, dass dich dieser physikalische Prozess nicht unweigerlich in die Atrose treibt!

00:23:08: Wenn also das nächste Mal jemand im Büro oder in der Bahn neben dir sitzt und laut hörbar mit sichtlichem Genuss seine Finger streckt.

00:23:18: Kannst du dich entspannen?

00:23:20: Du musst nicht mehr zusammenzucken, es sind keine brechenden Äste und keine absplitternden Knochen.

00:23:25: Es ist einfach nur angewandte Physik in Echtzeit!

00:23:28: Was uns letztlich zu einem Gedanken für den ich wirklich bemerkenswert finde... Schieß los!

00:23:32: Wenn das simple Zusammenfallen von mikroskopisch kleinen Gasbläschen in unseren Händen eine akustische Schockquelle erzeugen kann die stark genug ist um durch Knoche Knorpel und Gewebe hindurch für alle im Raum hörbar nach außen zu dringen Welche anderen gewaltigen mikroskopischen physikalischen Kräfte wirken wohl in exakt diesem Moment völlig unbemerkt auf unsere Zellen und unser Gewebe ein, ohne dass wir jemals auch nur das leiseste Geräusch davon hören.

00:24:01: Wow!

00:24:02: Das ist wirklich ein faszinierender Gedanke.

00:24:04: um das alles mal sacken zu lassen – das Universum der Physik in uns drin meistens lautlos aber immer aktiv.

00:24:12: Im Namen von uns beiden danke, dass du heute wieder dabei warst Bleibt faktenorientiert, bleibt neugierig und pass auf deine Haltebänder auf.

00:24:21: Bis zur nächsten gemeinsamen Tiefenburung!

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