Folge 15 - Hausputz im Bauch

Shownotes

Ein peinliches Geräusch in absoluter Stille – wir alle kennen diesen Moment. Doch dahinter steckt keine Notsituation, sondern ein lebenswichtiges Reinigungsprogramm unseres Körpers. Entdecke, welche faszinierende innere Putzkolonne heimlich in dir arbeitet, sobald deine Verdauungsfabrik stillsteht. Viel Spaß mit dieser Folge!

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00:00:00: Stell ihr mal vor, du sitzt in einem Raum.

00:00:03: Und das ist absolut also wirklich totenstill.

00:00:07: Vielleicht befindest Du Dich gerade in einer dieser wahnsinnig wichtigen Prüfungen bei der man buchstäblich nur das Kratzen der Stifte auf dem Papier hört?

00:00:15: Oh ja!

00:00:15: Der absolute Klassiker.

00:00:17: Genau oder eben in einem entscheidenden Meeting mit der Chefetache, bei dem alle gespannt auf eine wichtige Quartalszahl warten.

00:00:26: Die Stille im Raum ist fast greifbar Und plötzlich, also aus dem absoluten Nichts meldet sich dein Bauch.

00:00:33: Und meistens nicht gerade leise?

00:00:36: Nein überhaupt nicht!

00:00:37: Mit einem dezenten kleinen Grummeln.

00:00:39: Sondern mit einem orenbetäubenden langgezogenen fast schon knarrenden Knurren das wirklich in den hintersten Ecken des Raumes wiederhalt.

00:00:49: Da möchte man am liebsten im Boden versinken Richtig.

00:00:52: Und in dieser Millisekunde der Panik, in der sich dann alle Blicke auf dich richten, passiert fast immer das gleiche.

00:00:59: Man legt so reflexartig die Hand auf den Bauch, lächelt extrem unentspannt und flüstert entschuldigend in die Runde – oh Verzeihung!

00:01:08: Ich habe wohl

00:01:08: Hunger!".

00:01:12: Aber genau dafür nehmen wir uns heute eine echt faszinierende Quelle vor, einen Text namens der Hausputz im Bauch und wollen dieses alltägliche Phänomen mal komplett entschlüsseln.

00:01:24: Die Mission unserer heutigen Tiefenanalyse ist es nämlich dir ein für alle Mal die wissenschaftliche Rückendeckung für diese peinliche Situation zu geben!

00:01:32: Das ist auch dringend nötig – bei dieser instinktive Erklärungsversuch mit dem Hunger.

00:01:37: das is in den allermeisten Fällen schlichtweg ne biologische Lüge.

00:01:40: Physikalisch erst einmal plausibel, zwei raue Flächen die aneinander reiben machen eben Lärm.

00:01:46: Mehr!

00:01:47: Es mag vielleicht im ersten Moment intuitiv klingen aber das ist anatomisch schlicht weg falsch

00:01:52: Echt?

00:01:53: Gar keine Reibung?

00:01:54: Nein Eine Feuchte von Schleimhaut überzogene Magenwand, die an eine andere feuchtes Schleimbhaut reibt Das könnte niemals solche gigantischen akustischen Dimensionen annehmen.

00:02:04: Das wäre dann vermutlich eher so ein leises Schmatzen.

00:02:07: Genau, ein leises, nasses Schmatzen im allerbesten Fall.

00:02:12: Aber ganz sicher kein Grollen, das einen kompletten Konferenzraum füllt!

00:02:17: Um die wahre Ursache für dieses Phänomen zu verstehen – den sogenannten Borborygmus – müssen wir uns ansehen was im Körper passiert wenn wir gerade nicht essen.

00:02:30: Nicht wahr?

00:02:31: Das ist der medizinische Fachbegriff und er klingt ja lautmalerisch auch schon fast wie das Geräusch selbst.

00:02:37: Jedenfalls müssen wir uns dafür unser enterisches Nervensystem genauer ansehen.

00:02:42: Magen und Dünndarm sind nämlich keine passiven Schläuche, sondern eher eine hochkomplexe industrielle Verarbeitungsanlage.

00:02:50: Okay also ne echte Fabrik da unten im Bauch.

00:02:53: Exakt!

00:02:54: Und dieses System hat zwei völlig unterschiedliche Betriebsmodi – den Verdauungsmodus und den Wartungsmodus.

00:03:01: Wir gehen jetzt also davon aus, dass die eigentliche Verdauung – das mechanische Kneten, die chemische Aufspaltung bereits abgeschlossen ist!

00:03:09: Der Magen- und der vordere Teil des Dünndarms sind leer.

00:03:12: Richtig

00:03:13: Was veranlasst dieses Nervensystem dann in dem Wartumsmodus zu schalten?

00:03:18: Das steuern Hormone.

00:03:20: Etwa zwei bis drei Stunden nach der letzten Mahlzeit, wenn die Verdauerung eben durch ist, schaltet das vegetative Nervensystem um.

00:03:28: Dann startet ein bestimmtes Programm der sogenannte migrierende motorische Komplex oder kurz einfach MMC.

00:03:35: Das ist also so, als ob in einer echten Fabrik die Schichtarbeiter nach Hause gehen und dann nachts die Putzkolonne mit dem schweren Gerät anrückt um die Maschinen für den nächsten Tag sauber zu machen?

00:03:45: Ja das ist eine fantastische Analogie!

00:03:47: Und das Faszinierende daran ist wie diese Putzkologne arbeitet.

00:03:52: Der MMC läuft in verschiedenen Phasen ab Aber das, was uns hier wirklich interessiert ist die sogenannte Phase drei.

00:04:00: Was passiert da genau?

00:04:01: Hier

00:04:02: feuert das Nervensystem extrem starke koordinierte elektrische Impulse ab.

00:04:07: Das führt dann zu gewaltigen wellenartigem Muskelkontraktion Ein regelrechter Kehrbesen der sich dadurch den Magen schiebt.

00:04:15: Okay Moment mal Wenn die Verdauung längst durch ist und der Magen eigentlich leer ist... ...was genau wird da eigentlich noch zusammengekehrt?

00:04:23: Das Fließband müsste doch eigentlich blitzblang sein.

00:04:25: Im Idealfall ja, aber in der Praxis bleiben immer mal Reste liegen!

00:04:29: Der MMC hat die Aufgabe all das Rigoros Richtung Dickdarm abzutransportieren.

00:04:35: Was

00:04:35: für Reste sind das?

00:04:36: Das sind zum Beispiel extrem zähe unverdauliche Nahrungsfasern oder winzige Knochenstückchen, die man vielleicht unbemerkt mitgeschluckt hat.

00:04:46: Ach krass,

00:04:47: Knochenschtücken?!

00:04:48: Ja, das passiert schneller als man denkt... und ganz oft auch unabsichtlich verschluckte Haare, was uns im Alltag ständig passiert.

00:04:57: Plus natürlich abgestorbene Zellreste der Darmschleimhaut die sich permanent erneuert.

00:05:02: Verstehe – all dieser biologische Kericht würde also ohne die Phase drei einfach im Dünndarm liegen bleiben?

00:05:09: Das leuchtet mir absolut ein!

00:05:11: Niemand will verstopfte Rohre voller Haare und Zellen haben.

00:05:14: Genau.

00:05:15: Aber das ist nicht alles….

00:05:18: Vor allem werden Bakterien aus dem Dünndarm gefegt, um zu verhindern, dass sie sich dort ansiedeln.

00:05:24: Das ist ein lebenswichtiger Infektionsschutz.

00:05:27: Moment!

00:05:27: Bakterianfegen?

00:05:29: Wir haben doch ohnehin überall im Darmbakterien oder

00:05:32: nicht?!

00:05:32: Das

00:05:32: ist eine weitverbreitete Erdtum.

00:05:35: Wir haben im Dickdarm eine enorme Bakterientpopulation – unser Mikrobiom.

00:05:40: Ja von dem hört man ja ständig.

00:05:42: Richtig die sind dort auch extrem wichtig.

00:05:45: Im Dünndarm hingegen sieht die Sache völlig anders aus.

00:05:48: Der sollte im Vergleich zum Dickdarm nämlich nahezu steril sein.

00:05:52: Was passiert, wenn er das nicht ist?

00:05:55: Also wenn diese Dickdam-Bakterien quasi flussaufwärts in den Dünnendarm wandern... Dann

00:05:59: haben wir ein gewaltiges Problem!

00:06:01: Das nennt man in der Medizin SIBO eine Dündendarmfehlbesiedlung.

00:06:05: Die Bakterien fangen dann an unsere frisch aufgenommene Nahrung zu fermentieren bevor wir selbst die Nährstoffe überhaupt aufnehmen können.

00:06:13: Sie stehlen uns buchstäblich die Energie.

00:06:15: Wow,

00:06:16: okay!

00:06:16: Und sie produzieren dabei massiv Gase was zu extremen Blähungen und Entzündungen führt.

00:06:22: Die massiven Kontraktionswellen der Phase drei also unser Hausputz fegen diese Bakterien unerbittlich zurück in den Diktor.

00:06:29: Das

00:06:29: ändert meine Perspektive auf dieses Knurren natürlich komplett.

00:06:33: Mein Körper signalisiert mir da keinen Mangel sondern erschützt mich gerade aktiv vor so einer bakteriellen Überwucherung.

00:06:41: Aber eine Sache an dieser Mechanik irritiert mich dann doch.

00:06:44: Nämlich!

00:06:45: Wenn diese Phase drei so dermaßen stark ist, dass sie physisch Knochensplitter und Bakterien durch meterlange Darmschlingen presst... Warum spüre ich davon keinen Schmerz?

00:06:56: Also wenn ich im Uberschenkel so eine massive Muskelkontraktion hätte, da würde ich doch schreiend am Boden liegen weil es ein extrem schwerer Kampf wäre.

00:07:04: Das ist ein guter Punkt.

00:07:05: der Unterschiedlicht in der Art der Muskulatur.

00:07:07: Der Verdauungstrakt besteht aus sogenannte Glattermuskulatur.

00:07:11: Die arbeitet viel langsamer und wellenartiger als unsere Skelettmuskulator.

00:07:16: Es ist kein plötzlicher Krampf, sondern eine orchestrierte gleitende Druckwelle.

00:07:21: Ah ok!

00:07:22: Und das Gehirn merkt es nicht als Schmerz?

00:07:25: Nein – weil die Schmerzzeptoren im Darm ganz anders funktionieren.

00:07:30: Die feuern vor allem bei extremer Dehnung durch sehr viel Gas zum Beispiel aber nicht bei dieser rhythmischen Kontraktion.

00:07:37: Das registriert das Nervensystem als normalen Betriebsablauf.

00:07:42: Verstehe, das erklärt warum es nicht weh tut!

00:07:45: Wenn das also nur ein extrem nützlicher schmerzfreier Reinigungsprozess ist... Warum muss dieser Hausputz dann einen derart unerträglichen Lärm machen den wirklich der ganze Konferenzraum hört?

00:07:57: Wenn wir das mit dem großen Ganzen in Verbindung bringen landen wir direkt in der Physik und Akustik.

00:08:03: Ein voller Magen enthält dichten Speisebrei und der dämpft Geräusche enorm gut ab.

00:08:09: Wie dicke Akustikmatten an einer Wand in einem Tonstudio!

00:08:13: Okay,

00:08:13: also so lange Essen drin ist haben wir quasi Körper eigene Schalldimpfer installiert?

00:08:19: Exakt – Ist der Magen aber leer?

00:08:21: Fehlen diese

00:08:22: Matten?!

00:08:23: Er isst dann nur noch gefüllt mit Magensaft, verschluckter Luft- und Verdauungsgasen Und dadurch wird er zu einem perfekten physikalischen Resonanzkörper.

00:08:32: Hier wird es erst recht interessant.

00:08:35: Moment, die Muskeln arbeiten also mit enormem Druck?

00:08:38: Aber wir hören es nur wenn die Akustikmatten weg sind!

00:08:42: Das ist ja so als würde man versuchen auf eine Akustikkitarre zu spielen, die randvoll mit Kartoffelpüree gestopft ist.

00:08:48: Da hört man logischerweise gar nichts... Aber wenn die Gitarre leer ist, halt es durch den ganzen Raum.

00:08:55: Wenn die massive Muskel-Putzwelle diese Luftflüssigkeitsmischung durch die Hohlenröhren presst...

00:09:01: Genau so ist es!

00:09:01: Der leere Hohlraum verstärkt den Druckakustisch extrem.

00:09:05: Es gluckert, rauscht und knurrt so laut Weil die Mischung aus Flüssigkeit und Gas unter hohem Druck durch enge Ventile gepresst wird speziell durch den Magenausgang.

00:09:15: Das ist reine Strömungsmechanik.

00:09:17: Also Was bedeutet das alles?

00:09:19: Lass uns das mal auf unser Verhalten in der Praxis übertragen.

00:09:23: Was passiert, wenn du in diesem stillen Meetingraum panisch zu einem Keks greifst um genau dieses Knurren zu stoppen?

00:09:29: Sobald Du auch nur eine absolute Kleinigkeit ist – ein Keks!

00:09:32: Ein kleiner Schluck zuckerhaltiger Saft registrieren die Sensore im Magen sofort neue Nahrung.

00:09:38: Und wie reagiert das System darauf?

00:09:40: Hochsensible und extrem abrupt.

00:09:42: Das Ergebnis ist, dass das Reinigungsprogramm des MMC augenblicklich abgebrochen wird.

00:09:47: Wirklich?

00:09:48: Sofort!

00:09:49: Ja...

00:09:51: Die Hormone schlagen um der Hausputz wird gestoppt die Fabrik geht wieder in den Arbeitsmodus und das laute Knurren verschwindet sofort.

00:09:59: Das heißt ich beruhige zwei die Leute im Meetingraum aber feure im Grunde genommen meine innere Putzkolonne mitten in ihrer wichtigsten Schicht.

00:10:07: Das wirft eine wichtige Frage auf.

00:10:09: Aber genau das passiert.

00:10:10: Aber das ergibt für mich evolutionär überhaupt keinen Sinn!

00:10:14: Du hast mir gerade ausführlich erklärt, wie wichtig es ist um uns vor bakteriellen Infektionen zu schützen.

00:10:19: Wie kann ein lächerlicher Keks dieses vitale Verteidigungssystem komplett abschalten?

00:10:25: Müsste der Körper nicht sagen?

00:10:27: Nein die Infektionsabwehr hat Priorität.

00:10:29: wir wischen erst fertig.

00:10:30: Aus heutiger Sicht wirkt das wie ein schwerer Designfehler aber wir müssen dass durch die Brille der menschlichen Evolution betrachten.

00:10:37: Über hunderttausende von Jahren war die größte Bedrohung nicht, die dünn-damen Fehlbesiedlung.

00:10:42: Sondern schlichtweg das Verhungern.

00:10:44: Ah okay, Kalorien waren selten!

00:10:46: Genau... Die sofortige Aufnahme der Nährstoffe hatte einfach das absolute evolutionäre Vorrangrecht vor allem anderen.

00:10:55: Das Vormonsystem fragt nicht nach der Menge Es registriert Nahrung und zieht sofort den Stecker für den Hausputz.

00:11:02: Und der Schmutz?

00:11:03: Die Bakterien, die ganzen Fasern?

00:11:05: Das bleibt dann alles einfach genau da liegen, wo es gerade war.

00:11:09: So ist es!

00:11:10: Die Verdauung hat Priorität aber der Hausputz bleibt dann eben liegen.

00:11:14: Der Timer wird komplett auf Null zurückgesetzt und du verzögerst den Reinigungsprozess um Stunden.

00:11:19: Wahnsinn dieses peinliche laute Knurren der Boroborikmus... ...ist also überhaupt kein Notsignal deines Körpers für fehlende Nahrungen?

00:11:28: Definitiv

00:11:29: nicht.

00:11:29: Es ist vielmehr die akustische Bestätigung, dass das innere Reinigungssystem perfekt funktioniert und gerade grob durchwischt.

00:11:38: Man muss also keine Ausreden mehr erfinden sondern kann sich entspannt zurücklehnen.

00:11:48: Bevor wir uns für heute verabschieden möchte ich dir der uns gerade zuhört noch einen völlig neuen provokanten Gedannten mit auf den Weg geben!

00:11:56: Wir haben heute gelernt, dass diese gewaltigen Putzwellen Bakterien aus dem Dünndamm fegen um uns vor Infektionen zu schützen.

00:12:03: Und wir wissen jetzt auch das schon.

00:12:05: ein winziger Schluck zückerhaltiger Saft oder ein einziger Keks diesen lebenswichtigen Hausputs sofort abricht!

00:12:12: Das ist ein Detail, das man im Alltag total unterschätzt?

00:12:15: Absolut

00:12:16: – wenn du also das nächste Mal darüber nachdenkst den ganzen Tag über immer wieder kleine Snacks zu essen oder an süßen Getränken zu nippen frag dich einmal Gibst du deiner inneren Putzkollonge eigentlich jemals die Chance, ihre Schicht überhaupt zu beenden?

00:12:30: Oder arbeiten deine Maschinen ununterbrochen im Schmutz der letzten Tage.

00:12:35: Ein Gedanke über den es sich definitiv nachzudenken lohnt!

00:12:39: Ich bedanke mich sehr bei dir für diese gemeinsame Spurensuche heute – bis zu unserer nächsten Tiefenanalyse.

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