Folge 10 - Das Einschlaf-Phänomen

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00:00:00: Stell dir das mal vor, es war ein unendlich langer Tag.

00:00:04: Du bist wirklich restlos erschöpft.

00:00:06: Das kennt man ja!

00:00:07: Genau du liegst endlich eingekuschelt im Bett Das Licht ist aus und diese ganzen Gedanken, die dich den ganzen Tag so auf Trab gehalten haben.

00:00:17: Die verblassen jetzt so langsam.

00:00:19: Ja,

00:00:19: diese perfekte Schwelle zum Einschlafen.

00:00:21: Exakt!

00:00:22: Du schwebst genau auf dieser feinen Schwelle, gleitest so sanft rüber ins Traumland.

00:00:28: Es ist absolut friedlich.

00:00:30: Und dann völlig aus dem Nichts.

00:00:33: BAM!

00:00:34: Der totale Schockmoment.

00:00:35: Du fällst ins Leere Dein ganzer Körper reißt massiv zusammen, deine Augen springen auf.

00:00:41: Du startest in die Dunkelheit und dein Herz pumpt einfach als wärst du gerade um deinen Leben gerannt!

00:00:47: Und in dieser allerersten Millisekunde ist man ja auch wirklich komplett desorientiert oder?

00:00:52: Absolut!

00:00:53: Das Adrenalin flutet da sofort den Kreislauf... ...und obwohl du sicher auf deiner flachen weichen Matratze liegst, ist dein Gehirn zu zu einhundert Prozent davon überzeugt, dass du gerade in einen bodenlosen Abgrund gestürzt bist.

00:01:07: Ja man ringt dann richtig nach Luft und fragt sich was um Himmels willen da gerade passiert ist.

00:01:11: Genau Und exakt dieses Szenario das so unfassbar viele von uns kennen Das nehmen wir uns in unserer heutigen Analyse mal richtig vor.

00:01:20: Eine sehr spannende Recherche übrigens.

00:01:22: Das finde ich auch!

00:01:23: Wir durchforsten heute die Materialien zu diesem bizarren Phänomen, dass in der Fachsprache als hypnagogischer Ruck oder halt profaner als Einschlafzucken bekannt ist.

00:01:34: Ja,

00:01:34: Einschlaffzucken trifft es eigentlich ganz gut.

00:01:36: Genau und unsere Mission heute ist es herauszufinden was in diesen Sekundenbruchteilen tief in unserer Biologie eigentlich passiert.

00:01:45: also warum zucken wir so brutal zusammen?

00:01:47: Und vor allem Warum dieses extrem erschreckende Erlebnis absolut kein Grund zur Panik ist?

00:01:54: Richtig, das ist ganz wichtig für dich als Zuhörer.

00:01:57: Es gibt keinen Grund zu Sorge!

00:01:59: Aber was diese Recherche so faszinierend macht... ...ist ja dass sie uns zwingt unsere Vorstellung davon wie der Körper eigentlich funktioniert komplett zu überdenken.

00:02:10: Ja total.

00:02:11: Wir betrachten Schlafjahr oft als eine Art Lichtschalter Also ein Klick.

00:02:16: Das Bewusstsein des Aus der Körper ruht.

00:02:18: Einfach Stecker ziehen und Gutes?

00:02:21: Genau, aber dieser Ruck beweist auf sehr dramatische Weise dass dieser Übergang vom Wachzustand in den Schlaf ein hochkomplexes und manchmal extrem instabiles Manöver ist.

00:02:33: Und das ist ein interessanter Punkt denn genau da hakt mein Verständnis bisher noch so'n bisschen.

00:02:38: Okay

00:02:38: wo genau?

00:02:39: Naja wenn ich abends im Bett liege und die Augen schließe fühlt es sich für mich eigentlich wie ein total linearer geordneter Prozess an.

00:02:48: Der Körper fährt kontinuierlich runter, aber dieser hypnagogische Ruck der fühlt sich halt überhaupt nicht geordnet an!

00:02:55: Das fühlt dich an wie so'n brutaler Fehler im System.

00:02:58: Ist das in gewisser Weise auch?

00:02:59: Also wie läuft dieser Einschlafprozess denn auf neurologischer Ebene ab wenn er nicht wie ein einfacher Lichtschalter funktioniert?

00:03:06: Um

00:03:06: diesen scheinbaren Fehler zu verstehen müssen wir uns die Architektur des Einschlafens genauer ansehen.

00:03:12: Es ist nämlich kein linearer Prozess, sondern eher so ein biologischer Kampf um die Vorherrschaft.

00:03:18: Ein Kampf?

00:03:19: Das klingt ja anstrengend!

00:03:20: Ist es für das Gehirn auch?

00:03:22: Es gibt da zwei wesentliche Systeme, die diesen Rhythmus steuern.

00:03:25: Das eine hält uns wach und aufmerksam... ...und das andere leitet den Schlaf ein.

00:03:30: Und wenn du dich jetzt ins Bett legst schaltet das Wachsystem eben nicht einfach ab.

00:03:35: Es wird vielmehr vom Schlafsystem ganz langsam und stufenweise zurückgedrängt.

00:03:40: Das

00:03:41: heißt, da findet ein echter physischer Übergangsprozess statt während ich da so dämmere?

00:03:46: Ganz genau!

00:03:47: Wir betreten dann den sogenannten hypnagogischen Zustand – das ist quasi diese nebulöse Übergangsphase.

00:03:53: Ah,

00:03:54: daher der Name Hypnagogischer

00:03:56: Ruck?!

00:03:57: Richtig!

00:03:57: In dieser Phase wird deine bewusste Wahrnehmung der Umgebung gedimmt… die sensorischen Eingänge also... was du hörst oder auf der Haut spürst, die blockiert das Gehirn nach und nach.

00:04:08: Okay – Das leuchtet ein!

00:04:09: Gleichzeitig verlangsamt sich deine Atmung und dein Muskeltonus.

00:04:13: also diese Grundspannung in deiner Muskulatur beginnt rapide abzufallen.

00:04:18: Der Körper wird schwer und spannt sich.

00:04:21: Aber Moment….

00:04:22: dass mit der Muskelentspannung wirft bei mir jetzt eine Frage auf Irgendwann müssen unsere Muskeln im Schlaf doch komplett gelähmt sein, oder?

00:04:31: Wie meinst du das?

00:04:32: Naja, wenn ich später in der Nacht träume, dass sich einen Sprint hinlege.

00:04:36: Dann strampel' ich ja nicht wild im Bett herum und renne gegen die Wand!

00:04:40: Da muss der Körper doch irgendeinen Riegel vorschieben.

00:04:43: Ah, verstehe….

00:04:44: Ja, das ist absolut richtig – diese komplette Blockade der Muskulatur gibt es tatsächlich.

00:04:50: In der Schlafforschung nennt man das REM-Athonie.

00:04:52: REM also von dieser Traumphase?

00:04:54: Genau Das tritt erst in der REM-Schlafphase auf Also der Phase, in der wir intensiv träumen.

00:05:01: Diese Lemung ist ein genialer Schutzmechanismus des Gehirns.

00:05:04: Der

00:05:04: vermutlich im Hirnstamm gesteuert

00:05:06: wird?

00:05:06: Exakt, damit wir unsere Träume eben nicht körperlich ausleben!

00:05:11: Aber – und das ist das Entscheidende für unsere heutige Analyse – Das Timing ist hier der Schlüssel.

00:05:16: Weil diese Lemung viel später passiert?

00:05:18: Ganz

00:05:19: genau.

00:05:19: Diese komplette Abschaltung der Muskeln passiert tief in der Nacht.

00:05:22: Ah ok... Das bringt uns der Sache schon deutlich näher.

00:05:26: Der hypnagogische Ruck passiert ja nicht tief in der Nacht, wenn ich bereits träume.

00:05:31: Richtig!

00:05:31: Der passiert ganz am Anfang.

00:05:32: Eben – In dieser hypnagogischen Phase die du vorhin beschrieben hast.

00:05:36: D.h.,

00:05:36: in dem Moment, indem wir da so zucken hat das Gehirn diesen Schutzmechanismus der totalen Muskelemung noch gar nicht aktiviert?

00:05:44: Bingo!

00:05:45: Genau hier liegt der neuralgische Punkt.

00:05:47: Der Körper steckt mitten im Übergang.

00:05:49: Die Muskelspannung lässt bereits stark nach, aber die komplette Blockade ist halt noch nicht aktiv.

00:05:54: Okay Und genau in diesem wahnsinnig verwundbaren Fenster, indem diese beiden Systeme um die Kontrolle ringen kommt es zu dem Ruck.

00:06:01: Es ist im Grunde ein klassischer massiver Kommunikationsfehler innerhalb des Nervensystems.

00:06:05: Lass uns das mal irgendwie greifbar machen.

00:06:08: Wenn diese beiden systeme also das Wach-System und das Schlaf-Systeem um die kontrolle ringt dann stelle ich mir das vor wie in so einem großen Firmengebäude Nachdienstschluss

00:06:18: Schöne Analogie, erzähl mal!

00:06:20: Also die eine Abteilung sagen wir das sind die Muskeln und das Schlafsystem.

00:06:25: Die macht bereits Feierabend.

00:06:27: Die Mitarbeiter haben die Jacken an, fahren die Rechner runter machen das Licht aus und verschließen die Türen.

00:06:31: Der Körper signalisiert also ganz klar Ruhephase.

00:06:35: Genau aber die andere Abteilungen Das Wachsystem, die sitzt noch oben im Chefbüro.

00:06:40: Die sind hellwach, trinken Kaffee und hemmern hektisch.

00:06:43: noch irgendwelche wichtigen Arbeitsmails in die Tastatur.

00:06:46: Mails an die Kollegen gehen, die eigentlich schon auf dem Weg zum Parkplatz sind?

00:06:49: Exakt!

00:06:50: Und das stiftet totales Chaos.

00:06:53: Lass uns dieses Firmenbild mal direkt auf die Biologie übertragen – wie sieht es anatomisch

00:07:05: aus?

00:07:07: Und die koffeinsüchtige Abteilung oben im Chefbüro?

00:07:10: Das ist das sogenannte retikuläre Aktivierungssystem in deinem Hirnstamm.

00:07:15: Dieses System war den ganzen Tag dafür zuständig, dich wach aufmerksam und reaktionsfähig zu halten.

00:07:21: Und das will seinen Job einfach nicht aufgeben?

00:07:23: Richtig!

00:07:24: Manchmal wehrt sich dieses Wachsystem richtig gegen Dienst herunterfahren...

00:07:28: Das heißt, während meine Muskeln sich gerade gemütlich entspannen wollen, schickt der Chef aus dem Hirnstamm plötzlich nochmal ein dringendes Memo nach unten.

00:07:36: Sozusagen ja!

00:07:38: Das Gehirn verarbeitet beim Einschlafen ihr oft noch letzte Sinnes-Eindrücke oder so ganz flüchtige Traumfetzen.

00:07:44: Wenn dieses retikuläre Aktivierungssystem dann in diesem Zustand der Instabilität unerwartet feuert, sendet es eine plötzliche völlig unkoordinierte Salve von elektrischen Impulsen durch die motorischen Nervenbahnen.

00:07:58: Und die treffen dann auf die Muskeln, die eigentlich schon am Schlafen sind?

00:08:01: Genau!

00:08:02: Diese Entladung trifft auf einer Muskulatur, die gerade dabei war komplett weich zu werden.

00:08:08: Das Resultat ist eine abrupte maximale Kontraktion Ein massiver Fehlstart der Muskeln.

00:08:15: Und exakt das ist dann dieses physische Zucken, dass dich im Bett so brutal hoch wirft?

00:08:19: Absolut!

00:08:20: Ein klassischer Fehlerlarm.

00:08:22: Okay, das leuchtet mir jetzt vorkommen ein... Also die Abteilungen kommunizieren aneinander vorbei Das Wachsystem funkt dazwischen und der Muskel krampft kurz zusammen.

00:08:32: Genau so ist es.

00:08:34: Aber hier hackt es bei mir trotzdem noch gewaltig

00:08:37: Wieso?

00:08:37: Das erklärt doch den Ruck.

00:08:39: Ja, das erklärt das rein physische Zucken.

00:08:43: Aber wir müssen unbedingt über dieses Gefühl des Fallens reden!

00:08:47: Ah ich ahne worauf du hinaus willst...

00:08:49: Naja wenn da nur zwei Gehirnregionen streiten und so eine verirrte elektrische Entladung durch den Körper schießt Warum zur Hölle fühlt es sich dann so spezifisch nach einem Sturz an?

00:09:01: Das ist die große Frage.

00:09:02: Eben Wenn sich nur ein Muskel verheddert könnte ich doch genauso gut das Gefühl haben dass mich jemand antippt Oder dass ich über eine Kante stolpere?

00:09:11: Das wäre logisch.

00:09:12: Aber stattdessen haben so viele Menschen exakt diese gleiche, furchteinflösende Illusionen buchstäblich in einen bodenlosen Abgrund zu stürzen!

00:09:21: Da muss doch weit mehr dahinter stecken als nur eine fehlgeleitete E-Mail im Nervensystem.

00:09:27: Da triffst du wirklich den Kern einer der spannendsten Debatten der gesamten Schlafforschung.

00:09:32: Oh

00:09:32: okay... Also ist das nicht abschließend

00:09:34: geklärt?!

00:09:35: Nein!

00:09:36: Wenn wir rein bei dieser neurologischen Fehlzündung bleiben, fehlt uns tatsächlich das Warum für diese extrem spezifische Wahrnehmung.

00:09:43: Also warum wir ausgerechnet fallen?

00:09:45: Ganz genau!

00:09:46: Um zu verstehen, warum unser Gehirn dieses Chaos im Nervensystem fast immer als Sturz interpretiert, da reicht ein Blick auf unsere moderne Anatomie einfach nicht aus.

00:09:55: Wo müssen wir dann hinsehen?

00:09:57: Wir

00:09:57: müssen den Blickwinkel drastisch erweitern und Millionen von Jahren in die Vergangenheit unserer Spezies schauen.

00:10:03: Okay Moment – wir sprechen also über Evolution Über unsere Vorfahren?

00:10:07: Ganz genau.

00:10:08: Wir müssen zurück in eine Zeit, lange bevor es sichere Schlafzimmer oder auch nur Höhlen als Standardquartiere gab...

00:10:15: Oh wow okay!

00:10:16: Unsere frühen Vorfahren also diese frühe Primaten.

00:10:18: die verbrachten einen erheblichen Teil ihrer Nächte in den Baumkronen Was

00:10:22: logisch ist.

00:10:23: ja Wer nachts auf dem Bodenschlief war wahrscheinlich ein ziemlich bequemer Mitternachtssneck für irgendwelche Raubtiere.

00:10:29: Exakt

00:10:30: Die Bäume boten Sicherheit vor den Jägern am Boden.

00:10:33: Aber auf einem Ast in fünfzehn Metern Höhe zu schlafen, das bringt halt ein massives lebensgefährliches Problem mit sich.

00:10:40: Die Schwerkraft?

00:10:40: Richtig!

00:10:41: Wenn du dort oben einschläfst, deine Wahrnehmung schwindet und deine Muskeln sich entspannen darf es unter gar keinen Umständen das Gleichgewicht verlieren.

00:10:48: Sonst geht's abwärts.

00:10:49: Ein Haltungsverlust im Schlaf bedeutete unweigerlich einen tödlichen oder zumindest extrem katastrophalen Sturz.

00:10:56: Das Überleben unserer Vorfahren hing also absolut davon ab, dass ihr Körper auch im Halbschlaf den Kontakt zum Ast niemals ganz verlor.

00:11:27: Wenn wir heute im Bett liegen und einschlafen, entspannen sich unsere Muskeln rapide.

00:11:33: Dieser schnelle Abfall der Muskelspannung – der gleicht auf neurologischer Ebene verblüffend dem Gefühl des freien Fals.

00:11:41: Weil die Spannung plötzlich einfach weg ist?

00:11:43: Genau!

00:11:44: Und da wir ja gleichzeitig unsere sensorische Wahrnehmung der Umgebung also... das Spüren der sicheren Matratze bereits abschalten, fehlen dem Gehirn plötzlich die Referenzpunkte.

00:11:55: Es weiß nicht mehr dass wir eigentlich sicher liegen!

00:11:57: Richtig unser sehr altes evolutionär geprägtes Nervensystem registriert diesen plötzlichen Verlust der Muskelspannung dann quasi im luftleeren Raum

00:12:08: und weil es tief in den ältesten Hirnstrukturen immer noch darauf programmiert ist auf Bäumen zu überleben schrillen da sofort alle Alarmglocken

00:12:18: ganz genau.

00:12:19: Das Gehirn interpretiert diese rasante Muskelentspannung katastrophal falsch.

00:12:23: Es denkt, wir verlieren Halt!

00:12:25: Wir fallen.

00:12:26: Wahnsinn

00:12:27: Und es reagiert augenblicklich mit dem einzig logischen Mechanismus um dein Leben in diesem vermeintlichen Bruchteil einer Sekunde noch zu retten

00:12:34: diesen reflexartigen, massiven Muskelimpuls.

00:12:37: Richtig!

00:12:38: Dieser Ruck ist gewissermaßen der verzweifelte Versuch deines Körpers reflexartig nach einem rettenden Ast zu greifen bevor du auf dem Waldboden zerschälst.

00:12:49: Das ist absolut faszinierend und ehrlich gesagt auch völlig absurd wenn man das mal in den Kontext unseres heutigen Alltag setzt oder?

00:12:55: Auf jeden Fall

00:12:56: Ich meine, stell dir das vor.

00:12:59: Ich liege da völlig erschöpft in meinem klimatisierten Schlafzimmer sicher gebettet auf einer ergonomischen Premiummatratze zugedeckt bis ans Kinn

00:13:08: und dein Gehirn spielt Steinzeit.

00:13:11: Tief in meinem Kopf schaltet eine prehistorische Sirene auf Panikmodus um und brüllt Achtung!

00:13:17: Festhalten der Ast bricht ab.

00:13:19: Das illustriert wirklich wunderbar, wie unfassbar langsam die biologische Evolution im Vergleich zu unserer kulturellen Entwicklung voranschreitet.

00:13:27: Total!

00:13:28: In der Wissenschaft sprechen wir hier von sogenannten rudimentären Reflexen

00:13:31: Wie beim Blinterm, der eigentlich keine Funktion mehr hat Genau

00:13:35: oder ähnlich wie die Gänsehaut Die schützte unsere Vorfahren vor Kälte indem sie das Fell aufstellte

00:13:40: Was bei uns heute mit den Paarherchen ziemlich nutzlos ist.

00:13:43: Richtig Und dieser Ruck ist möglicherweise ein Überbleibsel, das seine ursprüngliche Funktion längst verloren hat.

00:13:51: Aber eben tief in unserer Festplatte verankert bleibt.

00:13:55: Unser hochmodernes Gehirn mit dem wir tagsüber künstliche Intelligenzen trainieren oder Symphonien komponieren – Das schleppt also tief im Betriebssystem noch alte Software-Updates aus der Steinzeit mit sich herum!

00:14:08: Ein sehr schönes Bild

00:14:09: Ein uralter Code, der nie gelöscht wurde und ab-und zu einfach mal ausgeführt wird.

00:14:14: Weil das System kurz durcheinander kommt.

00:14:16: Exakt so ist es!

00:14:17: Wobei wir hier natürlich fairerweise betonen müssen dass wir diesen evolutionären Aspekt nicht im Labor zweifelsfrei beweisen können.

00:14:24: Na ja gut, das ist logisch.

00:14:26: Ja Wir können ja schlecht prehistorische Schlafzuckungen ausgraben und analysieren.

00:14:31: Aber diese Theorie verbindet den neurologischen Kommunikationsfehler einfach so elegant mit dem psychologischen Empfinden des Fallens, dass sie in der Forschung als die plausibelste Erklärung gilt.

00:14:44: Wenn wir diese prähistorische Software in uns tragen, völlig egal ob jetzt als Kommunikationsfehler der Abteilungen oder als Greifreflex aus der Baumära dann stellt sich mir da eine ganz drängende praktische Frage.

00:14:57: Schieß los!

00:14:58: Warum passiert mir das nicht jede verdammte Nacht?

00:15:01: Ich schlafe jeden Tag ein.

00:15:03: Jeden Tag entspannen sich meine Muskeln.

00:15:05: Also was triggert diesen Ruck?

00:15:07: Warum bricht der innere Primat an manchen Abenden in Panik aus und an anderen dämmer ich völlig friedlich weg.

00:15:15: Das ist der Moment, in dem wir wieder ins Hier-und-Jetzt deines Alltags zurückkehren müssen!

00:15:20: Zunächst mal zur Häufigkeit – Schätzungen gehen davon aus dass sechzig bis siebzig Prozent aller Menschen diesen Rucks zumindest gelegentlich erleben.

00:15:29: Oh das ist ja wirklich eine absolute Mehrheit

00:15:32: Ja Sehr viele kennen das.

00:15:34: Er passiert aber nicht zufällig, er tritt besonders dann gehäuft auf wenn der Übergang zwischen Wachsein und Schlaf für dein Nervensystem ohnehin schon extrem erschwert ist

00:15:44: Also wenn dieses Ringen um die Kontrolle von dem wir anfangs sprachen besonders heftig ausfällt.

00:15:50: Ganz

00:15:50: genau!

00:15:51: Wenn dein retikuläres Aktivierungssystem also die Wachabteilung im Chefbüro völlig überdreht ist.

00:15:57: Und was bringt diese Abteilungen so zum Überdrehen?

00:15:59: Die Hauptauslöser dafür sind Stress Angstzustände und ironischerweise extreme Übermüdung und Erschöpfung.

00:16:07: Warte, Übermütung?

00:16:08: Das klingt paradox!

00:16:10: Wenn ich müde bin sollte ich doch besser

00:16:12: einschlafen.

00:16:12: Sollte man meinen aber wenn du völlig übermüdet ins Bett fällst versucht der Körper manchmal zu schnell die tiefen Schlafphasen zu erreichen während das Gehirn aber noch nachhängt.

00:16:22: Ah

00:16:23: verstehe

00:16:24: Die Asynchronität zwischen den Abteilungen wird dann einfach größer.

00:16:27: Und wie sieht es mit äußeren Faktoren aus?

00:16:29: Ich denke da an unsere alltäglichen Laster.

00:16:32: Kaffee, Sport und so weiter!

00:16:34: Die spielen eine massive Rolle.

00:16:36: Hoher Koffeinkonsum am späten Nachmittag oder Abend hält die Wachzentren des Gehirns natürlich künstlich unter Strom.

00:16:42: Ja

00:16:43: das ergibt Sinn.

00:16:43: Aber auch intensiver Sport unmittelbar vor dem zu Bett gehen wird als starker Trigger identifiziert Wirklich?

00:16:50: Sport?

00:16:51: Ja Sport treibt die Herzfrequenz hoch, flutet den Körper mit stimulierenden Hormonen und erhöht vor allem den Muskeltonus.

00:17:01: Wenn du also nach so einem endlosen Arbeitstag abends um neun noch ein massives Workout im Fitnessstudio durchziehst...

00:17:07: Was viele ja machen, um Stress abzubauen?

00:17:09: Genau!

00:17:10: Und dir danach vielleicht noch einen starken Espresso machst weil du noch E-Mails beantworten musst und dich dann ins Bett wirst dann schickst du dein Nervensystem auf nackabsolute Achterbahnfahrt.

00:17:21: Ganz exakt!

00:17:22: Du zwingst deinen Körper innerhalb kürzester Zeit von maximaler Leistungsbereitschaft, auf völlige Ruhe umzuschalten.

00:17:30: Das System ist physiologisch eigentlich noch voll im Kampf- oder Fluchtmodus.

00:17:34: Wahnsinn.

00:17:34: Wenn das Schlafzentrum dann versucht die Muskeln rapide zu entspannen Ist die Schwelle für einen Fehlalarm einfach extrem niedrig

00:17:40: Weil das Wachsystem denkt halt Stop wir rennen doch gerade noch vor dem Säbelzahntiger weg.

00:17:44: Richtig Das überreizte Gehirn interpretiert diese plötzliche Entspannung sofort als bedrohlichen Kontrollverlust.

00:17:52: Der Wachzustand wehrt sich mit Händen und Füßen gegen die plötzeliche Stille.

00:17:56: Kein Wunder also, dass dieser alte Sicherheitsmechanismus dann völlig überreagiert.

00:18:00: Definitiv!

00:18:01: Um bei dem Firmenbeispiel zu bleiben – wenn die Firma ohnehin schon brennt und alle unter Strom stehen reicht eine kleine flackernde Glühbirne und jemand drückt sofort den roten Panikknopf weil er denkt das Gebäude stürzt ein….

00:18:15: Das fasst die Dynamik wirklich perfekt zusammen.

00:18:18: Die Lebensweise, die wir heute geführen, die provoziert diesen alten Reflex immer dann wenn wir den natürlichen Rhythmen unseres Körpers ignorieren oder komplett übersteuern.

00:18:28: D.h.,

00:18:29: die Vorbereitung auf den Schlaf ist enorm wichtig?

00:18:31: Genau!

00:18:32: Je entspannter und geordneter wir den Körper herunterfahren lassen desto geräuschloser können die Gehirnregionen die Kontrolle übergeben.

00:18:40: Dass es wirklich erhellend.

00:18:42: Wir haben hier also diesen unfassbar komplexen Abschaltprozess in Gehirn, der durch unseren modernen hektischen Lebensstil total leicht aus dem Takt geraten kann und das alles mündet dann in einen Reflex, der uns seit Millionen von Jahren begleitet.

00:18:57: Und das absolut Wichtigste was du also der Zuhörer aus all diesen Informationen mitnehmen solltest ist einfach die Beruhigung!

00:19:05: Ja, das müssen wir noch mal ganz klar sagen.

00:19:08: Wenn du das nächste Mal im Bett liegst so langsam wegdämmerst und plötzlich dieses brachiale Gefühl hast ins Bodenlose zu stürzen und mit rasendem Herzen hochschreckst...

00:19:17: Und denkst du fälst vom Ast?

00:19:19: Dann ist das absolut kein Grund zur Sorge!

00:19:22: Es ist kein Vorbote einer neurologischen Erkrankung es ist kein Systemabsturz.

00:19:27: Es ist einfach nur Biologie die kurz stolpert.

00:19:30: In der überwältigenden Mehrheit der Fälle ist es einfach ein völlig harmloser physiologischer Schluck auf.

00:19:37: Nichts weiter!

00:19:38: Eigentlich ist es, wenn man mal genau darüber nachdenkt fast schon ein Kompliment an unser Nervensystem oder?

00:19:43: Inwiefern?!

00:19:44: Naja... Es zeigt uns wie unfassbar aktiv und wachsam unser Gehirn selbst dann noch arbeitet sein Umfeld abtastet und uns beschützen will Wenn wir eigentlich glauben schon längst abgeschaltet zu haben.

00:19:57: Stimmt!

00:19:57: Es passt einfach pausenlos auf uns auf auch wenn es dabei manchmal vielleicht ein kleines bisschen zu übermotiviert ist und Geister aus der Vergangenheit zieht.

00:20:06: So

00:20:06: kann man es definitiv betrachten, einen Überfür sorglicher Wächter, der im Zweifel lieber einmal so oft Alarm schlägt als einmal zu wenig.

00:20:13: Das hat wirklich eine unfassbar tiefgreifende Recherche.

00:20:17: heute Die hatten wir auf jeden Fall einen völlig neuen Respekt vor den Vorgängen in unserem Schlafzimmer gegeben.

00:20:23: Das freut mich.

00:20:24: Aber bevor wir dich, liebe Zuhörerin, lieber Zuhörer für heute entlassen möchte ich dir noch einen neuen vielleicht auch etwas provokanten Gedanken mit auf den Weg geben.

00:20:33: Da bin ich jetzt aber auch gespannt!

00:20:35: Einen Gedanken der genau auf diesem Evolutionsaspekt aufbaut, den wir heute so ausführlich dekonstruiert haben.

00:20:42: Wir haben heute gelernt dass dieses plötzliche panische Fallen im Bett wahrscheinlich ein direktes evolutionäres Echo aus unserer Zeit auf den Bäumen ist

00:20:51: Eine physische Erinnerung.

00:20:53: Ganz genau, eine Erinnerungen unserer Vorfahren die unauslöschlich in unseren Muskeln und Nerven gespeichert ist Und wenn man das mal wirklich sacken lässt zwingt dass einen doch unweigerlich zu einer Frage Wenn man sich so in seinem modernen hoch technisierten Alltag umschaut

00:21:09: Nämlich?

00:21:09: Welcher anderen uralten Überlebensreflexe schlummern eigentlich noch völlig unbemerkt In unseren alltäglichen Gewohnheiten.

00:21:17: Oh

00:21:17: sehr guter Punkt.

00:21:18: Ich meine, wenn unser Körper sich noch so vielen Millionen Jahren trotz Premiummatratze und Hightech-Schlafzimmer immer noch lebhaft an den rettenden Ass erinnert – was hat der noch alles nicht vergessen?

00:21:31: Was steuert unser tägliches Handeln vielleicht heimlich aus dem Hintergrund?

00:21:36: Eine sehr spannende Überlegung.

00:21:38: Darüber lässt sich auf jeden Fall hervorragend nachdenken, wenn du das nächste Mal im Bett liegst!

00:21:43: Wir wünschen dir auf jeden Fall für heute Nacht ein absolut entspanntes, ruckfreies und vor allem tiefes Einschlafen.

00:21:49: Genau!

00:21:50: Schlaf gut, lasst den Tag langsam ausklingen und macht euch wirklich keine Sorgen um das Fallen.

00:21:56: Wir hören uns bis zu unserer nächsten gemeinsamen Analyse.

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